Mahmoud, 27 Jahre

Name: Mahmoud
Alter: 27 Jahre
Herkunft: Wurzeln in Palästina, gelebt und aufgewachsen in Damaskus (Syrien)
Tätigkeit im Heimatland: Student (Business Administration, Human Resources)
In Deutschland seit: November 2014
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Englisch (gut), Deutsch (wird immer besser)
Liebt: Menschen, Lachen, Musik, Gitarre spielen, seine Familie, einen Mix der Kulturen
Beschreibt sich selbst als: starker Mensch mit einem guten Herz, der gerne lacht
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Ehrenamtliche Mitarbeit in der Kleiderkammer Reinbek, im Seniorenheim „Kursana Villa Reinbek“, Mithilfe in der Kantine der Gemeinschaftsschule Reinbek, Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“
Größter Wunsch: Wieder zu studieren und in Deutschland eine Heimat zu finden, in der er friedlich leben kann

Mahmoud ist 27 Jahre alt, hört am liebsten Rock ’n’ Roll, spielt leidenschaftlich gerne Basketball und Fußball. Er liebt das bunte Treiben in Großstädten wie Damaskus und Hamburg. Auf seinem linken Unterarm hat er ein Gitarren-Tattoo. Im Griff der Gitarre steht in arabischer Schrift „Palästina“. Dort liegen seine Wurzeln. Aber seine Heimat ist Syrien. 2011 bricht in Syrien der Krieg aus. Kurze Zeit später wird Mahmouds Stadtviertel „Yarmouk Camp“ im Süden von Damaskus immer mehr zum Mittelpunkt des Konflikts. Leichen liegen in den Straßen, Raketen schlagen gefährlich nah ein. Heute gleicht „Yarmouk Camp“ einem Todeslager. Mahmouds Familie lässt alles zurück und rettet ihr Leben. Sie fliehen in den Nachbarstaat Libanon. Von dort plant Mahmoud seine gefährliche Flucht nach Deutschland. Ob er auf diesem Weg jemals die Hoffnung verloren habe? „Nein“, sagt er, „ich habe immer gewusst, ich schaffe das“. Ob auf der viertägigen Fahrt durch die Wüste, bei 50 Grad Celsius zusammengepfercht auf der Ladefläche eines Pick-ups oder aber auf dem kleinen Schiff, das auf dem Weg nach Italien plötzlich vom Weg abkommt und fast nie Land gesehen hätte – er habe immer daran geglaubt, dass noch nicht Schluss sei.

„An die Schüsse und Bomben kann man sich gewöhnen“, sagt Mahmoud, „an die vielen Leichen in den Straßen nicht.“


Portrait:
Von sich selber sagt Mahmoud, er sei ein „Doppel-Flüchtling“, denn seine Wurzeln liegen in Palästina. In Syrien finden seine Großeltern 1948 Schutz vor dem Krieg in Israel. Die Familie flieht und verlässt ihr Land. Syrien wird zur neuen Heimat. Für den Job des Vaters geht die Familie für eine Zeit ins Ausland. Im Wüstenstaat Katar kommt Mahmoud auf die Welt. Mit 13 Jahren kehrt er mit seiner Familie zurück nach Syrien. Er liebt das Treiben von Damaskus. Die orientalischen Gerüche in den kleinen Gassen aber auch, dass die Stadt niemals schläft. Er wächst in einer großen Familie auf, ist das jüngste Kind von insgesamt sechs. Seine Familie beschreibt er als weltoffen und nicht traditionell. Für ihn spielt der Glaube eines Menschen keine Rolle. „Es ist das Herz“, sagt er, „das stimmen muss“.

Hamburg, Reinbeck, Refugee, Machmoud, Roeler, 2015

Hamburg, Reinbeck, Refugee, Machmoud, Roeler, 2015

Die Eltern haben drei Geschäfte, er selbst studiert Business Administration und Human Resources in Damaskus. Die Familie lebt im Stadtteil „Yarmouk Camp“ – einem ehemaligen Flüchtlingslager für palästinensische Flüchtlinge – aus dem ein buntes Stadtviertel geworden ist. Bis 2012 leben dort etwa 150.000 Menschen. Als der Stadtteil 2012 immer mehr in den Mittelpunkt des Konflikts zwischen syrischer Regierung und IS-Extremisten gerät, fürchten die Menschen um ihr Leben. Wann er die Entscheidung getroffen hat zu flüchten? „Als zwei Leichen morgens vor meiner Haustür lagen, da wusste ich, der Krieg wird auch zu uns kommen. An die Schüsse und Bomben kann man sich gewöhnen“, sagt Mahmoud, „an die vielen Leichen in den Straßen nicht.“

Die Angst vor dem Krieg ist so groß, dass Mahmoud Mitte 2012 alles zurück lässt und mit seiner Familie in den Libanon flieht. Kurze Zeit später schlagen die ersten Raketen in seinem einstigen Zuhause ein. Heute wird „Yarmouk Camp“ auch die Hölle von Damaskus genannt. Der Stadtteil ist von der Außenwelt abgeschnitten. Immer noch liefern sich die Terrormiliz IS, die syrische Regierung und weitere verfeindetet Rebellengruppen Gefechte im und um den Stadtteil. Es werden rund 18.000 Menschen in „Yarmouk Camp“ vermutet, darunter auch viele Kinder. Sie sind eingeschlossen, unwichtig für die, die kämpfen. Das Camp gleicht einem Todeslager.

Im Libanon ist die Familie von Mahmoud erst mal sicher. Aber hier gibt es keine Zukunft. Mahmoud arbeitet in einem Hotel. Jeden Tag 13 Stunden, um seine Eltern zu ernähren. Was über bleibt, legt er beiseite. Nach zwei Jahren hat er 6.000 Dollar gespart. Genug, um die gefährliche Flucht nach Europa zu wagen. Wenn er von seiner Flucht erzählt, wird Mahmoud ruhiger. Man sieht ihm die Erinnerungen der gefährlichen Reise an, aber er lächelt sie weg. Allgemein bekommt man von ihm schnell den Eindruck, er sei ein positiver Mensch. Ob es jemals einen Zeitpunkt gab, an dem er die Hoffnung verloren hat? Nein, das sei nie der Fall gewesen. „Ich habe immer gewusst, dass ich es schaffen werde“, sagt er. Selbst, als er mit 240 anderen Flüchtlingen zusammen gepfercht auf einem kleinen Schiff im Mittelmeer die Orientierung verlor und fast gestorben wäre.

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Alles beginnt im Oktober 2014. Als Palästinenser bekommt Mahmoud nur ein Visum für den Sudan. Seine einzige Chance, um aus dem Libanon rauszukommen. Also bucht er einen Flug in den Sudan. Dort angekommen, bezahlt er seinen Schlepper, der Mann, der seine Reise organisiert. Sie kennen sich nicht, er legt seine gesamte Zukunft in die Hände eines Fremden. Auf der Ladefläche eines Pick-ups fährt Mahmoud zusammen mit 22 anderen jungen Männern 3.400 Kilometer durch die Wüste. Erst durch den Sudan dann durch Libyen. Eng nebeneinander und teilweise aufeinander sitzend, fahren die Männer die gefährliche Strecke. Oft sieben Stunden am Stück ohne Pause und mit nur sehr wenig Wasser. Tagsüber brennt die Sonne mit bis zu 50 Grad auf der Haut, nachts wird die Wüste so kalt, dass er nicht schlafen kann. Gepäck ist nicht erlaubt. Es gibt kaum genug Platz für die Menschen auf der Ladefläche. Also reist Mahmoud nur mit den Dingen, die er am Körper tragen kann. Sein Smartphone, seine Papiere und etwas Bargeld. Warum das Smartphone? „Weil meine gesamten Erinnerungen dort drauf sind. Und weil ich am Ende der Reise meine Mutter anrufen wollte, um ihr zu sagen, dass es mir gut geht.“

Kurz hinter der Grenze zu Libyen übernachten die Männer bei einem der Schlepper. Mahmoud versucht, die erste Nacht seit längerem etwas zu schlafen. Mitten in der Nacht fallen in der Nähe des Hauses Schüsse. Auch in Libyen herrscht Krieg. „Was für eine Ironie“, sagt er und lacht. „Da fliehen wir vor dem Krieg und auf einmal ist der Krieg wieder bei uns.“ Überfälle, Militärgrenzen und Personen-Überprüfungen sind an der Tagesordnung. Für illegale Flüchtlinge wie Mahmoud ein großes Risiko. Also teilen die Schlepper die Gruppe. In privaten Autos mit jeweils 5 Personen fahren die Männer ohne Stopp in die libysche Hafenstadt Bengasi. Dort angekommen fehlt ein Auto mit fünf Männern. Mahmoud weiß bis heute nicht was mit ihnen passiert ist. Er vermutet, dass sie angehalten und verhaftet worden sind.

Das Boot, das Mahmoud nach Europa bringen soll, startet spät in der Nacht. Zu groß ist die Gefahr, dass sie doch noch erwischt werden könnten.

Mit 240 Männern, Frauen und vielen kleinen Kindern legen die Flüchtlinge ab. 18 Stunden soll es maximal dauern, bis sie die italienische Hafenstadt Catania auf der Insel Sizilien erreichen. Wasser und Nahrung gibt es daher nur in kleinen Mengen. Das muss reichen. Nach 18 Stunden ist immer noch kein Land in Sicht. Nur Wasser weit und breit. Mahmoud sagt, ein Freund von ihm auf dem Schiff wurde panisch, weil er nicht schwimmen könne. Er lacht. „Eine ironische Vorstellung“, wie er findet, „als ob es jemandem, der mitten auf dem Mittelmeer über Bord geht, etwas bringen würde, zu schwimmen“. Nach weiteren 18 Stunden ist immer noch kein Ende in Sicht. Nahrung und Wasser sind aufgebraucht. Die Menschen werden panisch, die Kräfte schwinden immer mehr. „Besonders die Frauen und Kinder leiden sehr“, sagt er. Völlig entkräftet treiben die Flüchtlinge auf dem Boot über das weite Meer. Nach drei Tagen erscheint ein kleiner Punkt am Horizont. Ein Containerschiff. Den Moment beschreibt Mahmoud heute, wie „als wenn jemand in totaler Finsternis eine Kerze anzündet und plötzlich gibt es wieder Hoffnung“. Die Menschen auf dem Boot rufen und machen auf sich aufmerksam. Als sie näher an das Schiff herankommen, stoppen dessen Maschinen. Die Menschen warten was passiert. Eine Stunde dauert es bis die Besatzung signalisiert: „Wir retten euch“. „Angefühlt hat es sich wie eine Ewigkeit“, sagt Mahmoud. In diesem Moment habe er nicht realisiert, was passiert. Aber an den Schiffnamen „United Ocean“ werde er sich sein Leben lang in tiefer Dankbarkeit erinnern. „Sie haben uns das Leben gerettet. Hätten sie uns nicht an Bord genommen, wären wir gestorben und keiner hätte es erfahren.“

Foto: Mahmoud

Foto: Mahmoud

Foto: Mahmoud

Foto: Mahmoud

An einer kleinen Strickleiter müssen die Menschen den rund 20 Meter hohen Schiffsbug hochklettern. Die Männer binden sich die Kinder mit Kleidungsstücken an den Körper, damit auch sie sicher aufs Schiff kommen. Mit dem Schiff geht es dann noch einmal eineinhalb Tage übers Meer bis nach Sizilien. Europa, endlich!

Dort angekommen bleibt nicht viel Zeit. Mahmoud will schnell weiter. Doch als erstes muss er telefonieren. Seit zwei Wochen warten seine Eltern auf ein Lebenszeichen von ihm. Endlich kann er seiner Mutter sagen: „Ich lebe. Ich bin in Italien. Mir geht es gut.“ Dann setzt er sich in einen Bus nach Mailand. Nach 15 Stunden kommt er in Norditalien an. Von dort geht es mit einem privaten Auto weiter über Österreich direkt nach Hamburg. Über Hamburg und Kiel kommt er anschließend in das Erstaufnahmelager nach Neumünster. Zwei Wochen später kommt er nach Reinbek, einer Stadt vor den Toren Hamburgs. Dort lebt er jetzt. In einer kleinen Souterrainwohnung mit Blick auf einen kleinen Garten. An seiner Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Sag Moin und Salam“, überall findet man Deutschbücher und Vokabellisten.

„Ich liebe Hamburg, besonders St. Pauli und die Alster mag ich sehr“, sagt Mahmoud.

Es ist sein größter Wunsch in Hamburg zu studieren. Ein normales Leben zu leben. Freunde zu treffen, zu reisen und andere Kulturen kennenzulernen. An der Uni Hamburg darf er an einem Studium-Vorbereitungskurs für Flüchtlinge teilnehmen. Es muss aber nicht unbedingt ein Studium sein. Eine Ausbildung würde Mahmoud auch gern machen. Was genau ihn interessiert? „Alles, wobei ich Menschen helfen kann. Ich möchte gerne etwas zurückgeben“, sagt er. Das Zwischenmenschliche sei ihm für seine spätere Berufswahl wichtig. Ordentlich Erfahrung sammeln konnte er schon: zwei Mal in der Woche arbeitete er in der örtlichen Kleiderkammer mit. Einmal wöchentlich half er außerdem im Seniorenheim von Reinbek. Auf der Demenzstation. Dort ist er sehr beliebt, auch weil er stets ein Lächeln auf den Lippen hat. Jetzt konzentriert er sich auf seine Zukunft. Lernt fleißig Deutsch und bereitet seine Uni-Kurse vor. Er ist froh eine kleine Wohnung zu haben, nur Internet fehle ihm noch, sagt er. Er spart auf einen eigenen Computer, doch bis dahin muss das Smartphone reichen. Vor seiner Haustür steht sein Fahrrad – seine „Harley“, wie Mahmoud es im Scherz nennt. Ein wichtiger Besitz, denn nur so kommt man kostengünstig von A nach B. Denn Bus- und Bahnfahren ist zu teuer.
Ob er den gefährlichen Weg seiner Flucht nochmal so gehen würde? „Ja, denn in der Situation, in der ich war, gibt es keine Wahl. Entweder du gehst und rettest dein Leben oder du bleibst und stirbst“, sagt Mahmoud.

Seine Hoffnung aber hat Mahmoud auch in den dunkelsten Stunden seines Lebens nicht verloren: „Wenn mich etwas umhaut, dann stehe ich auf und werde dadurch stärker.“ Und genau diese Stärke und Zuversicht strahlt der 27-Jährige aus. Es macht demütig, einen Einblick in seine Erlebnisse zu bekommen. Und es gibt Hoffnung, mit einem so starken und positiven Menschen zu sprechen. Was dieser Mensch wohl noch alles bewegen wird?

Hamburg, Reinbeck, Refugee, Mahmoud, Roeler, 2015
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Text: Kristina Rieck
Fotos: Roeler

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