Farshad, 28 Jahre

Name: Farshad
Alter: 28 Jahre
Herkunft: Iran
Tätigkeit im Heimatland: Taucher, Grafikdesigner (erst Studium, dann selbstständig)
In Deutschland seit: Dezember 2014
Sprachkenntnisse: Persisch (Muttersprache), Englisch (gut), Deutsch (schon sehr gut)
Liebt: Fotografieren, Kochen, Tauchen
Beschreibt sich selbst als: sehr geduldig, ehrgeizig und ehrlich, Planungs- und Familienmensch
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Ehrenamtliche Arbeit in der Kirche, Praktikum beim Rowohlt-Verlag als Grafiker und Fotograf
Größter Wunsch: einen Job als (technischer) Taucher finden, an der Universität ein Studium beginnen (am liebsten im Bereich Grafik-Design/Fotografie) und irgendwann ein kleines Haus in Reinbek kaufen – für ein friedliches und sicheres Leben in Deutschland

Farshad ist 28 Jahre alt, ein leidenschaftlicher Hobby-Fotograf und Hunde-Fan. „Wir konnten im Iran keine Hunde halten, das ist verboten“, erzählt er. In Reinbek hat der Taucher und studierte Grafik-Designer nicht nur ein neues Zuhause gefunden, sondern auch einen Freund fürs Leben. „Ich wohne hier bei einer tollen Familie. Und hier wohnt auch Kalle“, freut er sich. Der Labrador hilft ihm, wenn ihn die Traurigkeit überfällt. Denn Farshad hat seine Heimat Teheran, Iran, hinter sich gelassen. Um das Leben seiner Mutter zu schützen, flüchtete er – und landete in Deutschland.

In deutscher Sprache will er seine Geschichte erzählen. Unbedingt. Und wenn er nicht mehr weiter weiß? „Dann erst Recht auf Deutsch“, sagt Farshad mit Nachdruck. Fünf Tage in der Woche, fünf Stunden am Tag, besucht der 28-Jährige deshalb noch bis Januar einen Deutschkurs. „Um die Sprache perfekt zu können, auch für einen Job. Ich möchte sehr gerne arbeiten“, erzählt er. Ehrgeizig ist er, der vor einem Jahr aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist. Als Flüchtling, der nie mehr in sein Heimatland wird zurückkehren können.

Früher war Farshad technischer Taucher am persischen Golf, unterrichtete auch Touristen. Dann machte er sich selbstständig: Führte drei Jahre lang sein eigenes Geschäft, war Grafik-Designer und verkaufte vor allem individuell designte Tapeten. An der Universität in Teheran hat er sein Fach studiert. Im Spätsommer 2014 erhält er plötzlich eine Vorladung vom Gericht. Bereits seit einiger Zeit ist er politisch aktiv, er ist schon lange nicht mehr damit einverstanden, was in seinem Land passiert. „Ich war gegen unseren Präsidenten, gegen die Diktatur“, sagt er. Er tut sich mit Gleichgesinnten zusammen, sie organisieren Treffen, verteilen Flyer. Ein gefährliches Unterfangen. Und eine Aktion, die ihn schon einmal ins Gefängnis gebracht hat. „Irgendjemand aus der Gruppe hat uns verraten. Während einer Sitzung kam die Polizei und nahm uns fest“, erzählt Farshad. Die Erinnerung an diese Zeit fällt ihm schwer, zu grausam ist das, was er in Gefangenschaft erlebt hat. Er hat aufgeschrieben, was dort geschehen ist:

Sie steckten mich für einige Wochen in ein Gefängnis, wo sie mich und meine Mitgefangenen, darunter auch einer meiner Freunde, folterten. Sie zwangen uns dazu, dass wir uns gegenseitig verprügelten. Sie schlugen mit Stöcken gegen meinen Rücken und mit Kabeln gegen meine Fußsohlen. Nach einiger Zeit im Gefängnis führten sie mich mit verbundenen Augen, zusammengeketteten Händen und Füßen in einen Raum und sagten, dass ich nun sterben werde. Ich musste auf einen Stuhl steigen und bekam einen Strick um den Hals. Dann verließen sie den Raum und ließen mich dort stehen. Wie lange es dauerte, bis sie zurückkamen, kann ich nicht genau sagen. Danach führten sie mich wieder in meine Zelle. Diese psychische Folter machten sie immer wieder. Während ich dort auf dem Stuhl stand, hörte ich, wie in anderen Räumen andere Menschen gefoltert und vergewaltigt wurden. Bevor sie mich aus dem Gefängnis wieder entließen, sagten sie mir, dass sie mich und meine Mutter töten würden, wenn ich weiter gegen die Regierung sei.

Mutter Mariam ist dann auch der Grund, warum sich Farshad schließlich entschließt, den Iran für immer zu verlassen: „Ich habe sie zurückgelassen, um sie zu schützen.“ Denn er hätte weitergemacht. „Ich habe so viel Schreckliches erlebt, so viel Angst ertragen. Es hätte kaum schlimmer kommen können. Ich wollte einfach Widerstand leisten.“ Doch seine Mutter liegt jede Nacht wach, weint, sagt ihm immer wieder: „Du musst gehen!“ Dann verkauft er sein Auto, nimmt sein Erspartes und eine Reisetasche. Er packt ein: Kleidung, seine wichtigsten Papiere und das Schreiben vom Gericht. Und dann macht er sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft – nur mit dem Wissen: „Ich kann nicht mehr zurück“.

Zunächst nach Armenien, er sitzt vierundzwanzig Stunden in einem Reisebus. Alle anderen „wollten dorthin aus Spaß. Ich war illegal unterwegs.“ Zwischendurch übermannt ihn immer wieder die Angst, dass die Reise kein gutes Ende haben könnte. „Als der Bus an der Grenze von Armenien kontrolliert wurde, hat der Busfahrer den Kontrolleur bestochen“, so Farshad. Das Schmiergeld gehörte zu dem 12.000-Dollar-Paket für ein Leben in Sicherheit. „Ein Mann hat mir die Reise organisiert und mir ein falsches Visum und auch das Flugticket nach Hamburg besorgt.“ Denn von Armenien aus ging es nach Europa. „Das Land war mir egal. Aber jetzt bin ich froh, dass ich in Deutschland bin.“

Seine erste Station ist Neumünster, hier bleibt er einundzwanzig Tage. 300 Leute sind zeitgleich mit ihm in der Erstaufnahmestelle. Eine Zeit, die Farshad mit seinen Tagen beim iranischen Militär vergleicht. „Dort haben wir genauso gewohnt, uns die Zimmer und Badezimmer geteilt“, erzählt er. Dann ging es nach Reinbek, zu einer Familie, die ihn aufnahm. Und zu Kalle, dem Labrador. „Er ist mein Freund.“ Langsam baut sich Farshad ein neues Leben auf. „Ich muss von Null anfangen, das ist oft nicht leicht“, gesteht er. Zusammen mit Kalle erkundet er Reinbek, oder ist mit seinem Fahrrad unterwegs. Sein Lieblingsort: Eine Bank beim Schloss. Hier kann er nachdenken, einmal tief durchatmen, eine kleine Auszeit vom neuen Leben nehmen, wenn die Traurigkeit über all das, was er zurücklassen musste, ihn einholt.

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Halt findet er auch in der christlichen Gemeinde in Reinbek. „Ich gehe jeden Sonntag zum Gottesdienst“, erzählt Farshad. Dort hat er auch schon ein wenig Verantwortung übernommen: Er regelt die Technik, sorgt dafür, dass Mikros und Lautsprecher funktionieren. Sein Bekenntnis zum Christentum – im Iran undenkbar. „Dort dürfen sie dich umbringen, wenn du Christ bist. Ich durfte nie sagen, dass ich lieber Christ als Moslem sein möchte.“ Hier, in Norddeutschland, kann er seinen Glauben endlich leben.

Ein Jahr ist jetzt vergangen, seitdem sich Farshad auf die Reise nach Deutschland gemacht hat. Ob er nie Angst hatte, Zweifel, an seiner Entscheidung? „Ich hatte im Iran ein gutes Leben. Da waren meine Freunde, ich hatte einen Job, meine Familie war da. Jetzt ist plötzlich alles weg. Aber Angst hatte ich nie.

„Du hast keine Angst mehr, wenn du einmal dem Tod in die Augen geblickt hast“, antwortet er, wählt dabei seine Worte mit Bedacht.

Sein größter Wunsch heute? „Ich möchte einen Job finden. Am liebsten wieder als technischer Taucher. Das ist mein Traum, denn Tauchen ist meine Leidenschaft.“ Und dann, als Zugabe, an die Uni. „Ich weiß noch nicht, welche Kurse ihr hier so habt. Aber irgendwas im Bereich des Grafikdesigns oder Fotografie möchte ich gerne studieren.“

Noch ist Deutschland ihm fremd. „Ich muss mir hier erst Erinnerungen aufbauen. Selbst der Januar, der April, alles ist mir fremd.“ Vieles, so sagt er, verstünde er noch nicht. „Das Oktoberfest zum Beispiel“, scherzt er. Doch er hat ein Ziel: „Ich will hier bleiben, mir eine Zukunft aufbauen.“ Arbeiten, eine Familie gründen, einfach glücklich sein. Und irgendwann ein kleines Haus kaufen. „Und das schaffe ich auch.“

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Foto: Farshad

Foto: Farshad

Foto: Farshad

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Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Jan Brockmann

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