Maan, 27 Jahre

Name: Maan
Alter: 27 Jahre
Herkunft: Al Qutayfah, Damaskus, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Student (Jura Student im sechsten Semester), betrieb neben dem Studium einen kleinen Laden mit einem Angestellten. Dort verkaufte er unterschiedliche Waren des täglichen Lebens.
In Deutschland seit: August 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Englisch (Grundkenntnisse), Russisch (Grundkenntnisse), Deutsch (besucht seit einigen Wochen einen Deutschkurs)
Liebt: Mit Freunden zusammen sein und eine gute Zeit zu haben.
Beschreibt sich selbst als: Zielstrebig, ehrlich, Sinn für Gerechtigkeit, sorgfältig
Größter Wunsch: Sein größter Wunsch ist es, sein Jura Studium zu Ende zu bringen, um als Anwalt arbeiten zu können und sich für Andere einzusetzen. Um sich diesen Wunsch erfüllen zu können, möchte er einen Job finden, damit er sich sein Studium finanzieren kann.

+++ UPDATE +++

REFUBURG konnte Maan dabei helfen, neben seinem Sprachkurs eine Teilzeit-Stelle zu finden. Er besucht nun immer vormittags die Sprachschule und arbeitet nachmittags als Produktionshelfer bei einer Firma in Reinbek. Nach Abschluss des Sprachkurses stehen die Chancen auf einen Vollzeitvertrag gut. Wir begleiten Maan weiterhin in diesem Prozess und wünschen ihm viel Erfolg.

Maan ist 27 Jahre alt, als er in Deutschland ankommt. Er kommt aus der Nähe von Damaskus, einem Ort namens Al Qutayfah. Er liegt einige Kilometer außerhalb der Hauptstadt, ist eine Vorstadt in der hügeligen Landschaft um Damaskus. Er beschreibt sein Zuhause als eigentlich ruhigen Ort, in dem man gerne lebt. Maan studiert Jura und arbeitet in einem Laden.
„Ich hatte ein gutes Leben in Syrien. Eins, das mit eurem hier vergleichbar ist“, sagt er. „Ich war wie du, ich habe studiert, hab nebenbei Geld verdient. Hatte eine Freundin, Freunde, ein Auto. Wir haben Dinge unternommen und Spaß gehabt. Wir hatten Pläne und Träume. Mein Leben war nicht wirklich anders als deins… und dann kam der Krieg.“

Maan sitzt am Esstisch der Gemeinschaftsküche in der kleinen Flüchtlingsunterkunft. Er teilt sich einen Container am Rand von Reinbek mit anderen jungen Männern. Sie alle waren auf der Flucht. Maan zieht an einer Zigarette und schaut nachdenklich auf die Dinge, die er auf dem Tisch ausgebreitet hat. Obwohl der Container nur von Männern bewohnt wird, scheint er aufgeräumt, alles hat seinen Platz. Auf dem Tisch liegen ein paar Schriftstücke auf Arabisch und Russisch, Zeugnisse seiner Universität, Registrierungsunterlagen mit seinem Passbild, Zigaretten und ein kaputtes Handy. Alles stumme Zeugen seiner Vergangenheit und Gegenwart. „Die wichtigsten Unterlagen, die ich noch besitze“, sagt er mit einem Lächeln, „außer das Handy, das ist nur noch Schrott. Salzwasser, da kannst du nichts mehr mit machen. Schade, da waren viele Erinnerungen drauf.“

In Reinbek lebt Maan nun in einer Unterkunft mit anderen Flüchtlingen; in Syrien hat er gemeinsam mit seinen Brüdern und Eltern in einem Haus gelebt. Das ist nicht ungewöhnlich in Syrien, dass die ganze Familie unter einem Dach wohnt, berichtet er. Gute familiäre Beziehungen sind ihm wichtig und in seiner Kultur tiefer verankert, als es in Europa heute oft noch der Fall ist.

„Wir helfen uns gegenseitig aus und sind immer für die Anderen da“, erzählt er.

Maan studiert Jura an der Universität von Damaskus. Um sich das Studium zu finanzieren, hat er sich ein kleines Geschäft aufgebaut, einen Laden, in dem er unterschiedliche Dinge verkauft wie Handys zum Beispiel. Da Aus- und Weiterbildung in Syrien nicht unbedingt kostenfrei sind, ist es nicht unüblich, neben dem Studium oder der Schule zu arbeiten. Mit einem Lachen ergänzt er: „Es ist immer gut, eigenes Geld zu verdienen.“
Von klein auf wollte er Anwalt werden. Eine sehr respektierte Arbeit, mit der man Dinge verändern kann, sich für die richtige Sache und andere Einsetzen kann. „Die richtige Sache…“, er hält inne.

Die Situation in Syrien eskaliert. Maan kann nicht in seiner Heimat bleiben. Die Gründe seiner Flucht sind vielfältig. Doch die Wurzel ist der Konflikt, der jeden Tag vor seiner Haustür weiter eskaliert. Als er anfängt darüber zu reden, wird er ruhiger und steckt sich eine frische Zigarette an.

Er schaut auf die Papiere vor sich und nimmt einen Zug: „Die Situation spitzte sich für mich noch mehr zu“, erzählt er weiter, „In Syrien gilt die Wehrpflicht und „Nein“ ist keine Option.“ Früher konnten Schüler, Auszubildende und Studenten den Dienst mit Anträgen aufschieben. Aber mit Beginn der Kriegshandlungen und der Notwendigkeit von mehr Soldaten, hebt Präsident Assad diese Reglung auf. Alle jungen Männer ab 18 müssen in der Armee dienen, seiner Regierung dienen.
Viele wollen diese kriegerischen Auseinandersetzungen nicht, doch verweigern, sagt Maan, kannst du nicht. „Du weißt, dass du deinen Wehrdienst ableisten musst und direkt in Kampfhandlungen geschickt wirst. Sagst du nein, zwingen sie dich. Und wenn du dich weiter wehrst, kommst du in den Knast, oder wirst im schlimmsten Fall als Deserteur erschossen.“
Maan und viele andere verstehen das bewaffnete und ungerechte Vorgehen der Regierung nicht. Vor allem in Bezug auf die zivile Bevölkerung.

In Damaskus und seinen umliegenden Ortschaften liefern sich die Regierung und andere Gruppen bewaffnete Auseinandersetzungen. Die Menschen, die an diesen Orten lebten, bekamen eine Warnung. Sie haben wenige Stunden, um ihr Zuhause zu verlassen, oder man kann für nichts garantieren. Alle, die jedoch bleiben, würden als Sympathisanten der oppositionellen Truppen angesehen und dementsprechend behandelt.
„Man kann sich das oft nicht vorstellen, aber manche Menschen können ihre Heimat nicht einfach verlassen. Auch wenn sie aus den Fugen gerissen wird. Sie nehmen lieber in Kauf, in ihrem Haus zu sterben.“

Maans Entschluss steht fest, er muss weg. Er will nicht in einem Krieg sterben, den er nicht wollte, für ein Regime, das er nicht unterstützen will. Er hat Glück; ein Freund, der schon einige Zeit in Russland lebt, bietet ihm Unterschlupf an. Sein Freund stellt ihm einen Job in Aussicht und der Weg in die Russische Föderation erscheint ihm im ersten Moment sinnvoller. Maan denkt nicht lange drüber nach, packt seine Ersparnisse ein und geht. Wenig später werden auch seine Brüder das Land verlassen, seine Eltern jedoch wollen bleiben, sie wollen ihre Heimat nicht verlassen, auch wenn die Zeiten dunkel sind.

Zehn Monate verbringt Maan in einem Ort in der Nähe von Kazan, in Russland. Er bekommt ein vorläufiges Visum, lernt schnell Russisch und kann nach kurzer Zeit erste Jura-Kurse an der Universität besuchen. Doch die Suche nach einem Job gestaltet sich schwerer als gedacht und Maans Ersparnisse schwinden. Die Uni in Russland ist teuer und sein Visum ebenfalls. Wieder ist Maan in einer Situation, in der er abwägen muss. Ohne Job und Geld wird er Russland verlassen müssen, nach Syrien kann er nicht zurück. Maan entscheidet sich, den Weg nach Europa anzutreten. Er hofft, in Deutschland Arbeit finden zu können und einen Platz zum studieren. Wieder packt er seine wenigen Sachen und sein letztes Geld zusammen.

Von Russland geht es in die Türkei, zur Küste, um von dort mit dem Boot nach Griechenland überzusetzen. „Der erste Versuch“, sagt er mit einem nüchternen Gesichtsausdruck, während er die Asche seiner Zigarette abstreift. Es war sehr früher Morgen, denn am Horizont zeichnete sich das erste Licht ab. Vielleicht so vier Uhr, als er mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge auf ein kleines Boot gebracht wurde. Es war eine gemischte Gruppe. Frauen und Männer jeglichen Alters, sowie eine junge Frau mit einem Baby. Sie wurden auf das Meer zwischen der Türkei und Griechenland rausgeschleppt und sich selbst überlassen. Ohne Kapitän mussten die Insassen das Boot selbst irgendwie bewegen. Doch das war schnell aussichtslos, denn das Boot begann bereits nach kurzer Zeit zu sinken.

„Ich kann nicht sagen, wie lange wir im Wasser waren, eine halbe Ewigkeit gefühlt. Wir sind einfach geschwommen und haben uns gegenseitig geholfen, damit keiner, vor allem die Mutter mit ihrem Baby, nicht elendig ertrinkt.“

Als der Morgen dämmert, ist endlich Land in Sicht. Eine kleine Insel wie sich später herausstellt. Doch die Küste scheint noch sehr weit weg und das Boot ist bereits zum größten Teil im Wasser versunken. Die einzige Möglichkeit, die bleibt, ist schwimmen. „Ich kann nicht sagen, wie lange wir im Wasser waren, eine halbe Ewigkeit gefühlt. Wir sind einfach geschwommen und haben uns gegenseitig geholfen, damit keiner, vor allem die Mutter mit ihrem Baby, nicht elendig ertrinkt.“
Sie schaffen es mit Mühe und Not an den Strand des kleinen Eilands. Sie sind orientierungslos, nass, ohne Verpflegung und das lange Ausharren im Salzwasser hat sämtliche Handys zerstört. Maan drückt den Zigarettenstummel aus, nimmt einen Schluck vom heißen Tee und zündet sich eine Neue an. Er schaut mich an und erzählt weiter: „Wir saßen Stunden an dem Strand und wussten nicht, was wir tun sollten.“
Ein alter türkischer Fischer findet sie zufällig und lässt sich nach langem Hin und Her überreden, die Küstenwache zu rufen. Ein Hoffnungsschimmer.
Sie werden zurück ans türkische Festland gebracht und kommen in eine, wie Maan sagt, gefängnisartige Einrichtung: „Wir wurden wie Verbrecher behandelt und auch so eingesperrt. Zehn Tage war ich da.“ Nicht nur sein Telefon ist im Wasser kaputt gegangen. Sein Reisepass und andere wichtige Dinge sind durchtränkt und aufgelöst vom Salz. Der Pass wird ihm abgenommen, er bittet darum, ihn wieder zu bekommen, um ihn zu trocknen, damit er nicht vollends zerstört wird. Die Polizisten winken ab, man kümmere sich drum, doch er sieht seinen Pass nicht wieder. Mühselig trocknet er das, was noch übrig.

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Nach dieser Tortur gibt Maan jedoch nicht auf, er will die Türkei verlassen. Er sucht sich erneut ein Boot, schafft es bis nach Griechenland. Hier wird er registriert und macht sich mit vielen anderen auf dem Landweg auf nach Deutschland. Anfangs können sie den Zug nehmen, bis kurz vor Serbien, dann müssen sie zu Fuß weiter. Sein Geld geht zur Neige. „Nicht nur die Schleuser machen auf dieser Strecke ihr Geschäft mit der Not der Flüchtlinge“, erzählt Maan mit wütendem Unterton, „Jede Art von Mafia begegnet dir auf dem Weg, die ein bisschen Geld an dir verdienen wollen.“
In manchen Ländern ist die humanitäre Hilfe äußerst spärlich. Viele bieten irgendwelche Räumlichkeiten an, aber zu absurden Preisen. Wissend, dass die einzig andere Option die Straße ist. Nach unzähligen Tagen schafft Maan es endlich nach Deutschland. Er kommt in das Erstaufnahmelager in Neumünster, dort bleibt er einen Monat, dann kommt er nach Reinbek. In die kleine Unterkunft, in der wir nun gemeinsam sitzen und Tee trinken.

Viel ist ihm nicht geblieben durch seine Flucht nach Deutschland. Dennoch zeigt er mir stolz sein Zimmer, das er sich mit einem weiteren jungen Mann teilt. Jeder hat ein kleines Bett, einen Kleiderschrank und es gibt einen gemeinsamen Tisch. In seinem Schrank bunkert Maan einige Packungen Honig, die man von Hotel Buffets kennt. „Warum?“, frage ich ihn. Er grinst, hebt eins hoch und zeigt es mir: „Ich mag Honig gerne und ich hatte länger keinen mehr.“ Wir gehen zurück in die Küche, brühen noch eine Tee auf.

Er möchte, dass die Menschen hier verstehen, wie es ihm und den anderen Flüchtlingen geht. Dass nicht nur die Flucht eine große Herausforderung war, sondern auch die Tatsache, sich in einem ihm völlig fremden Land zurecht zu finden und seinen Platz zu finden, ebenfalls eine ist.
„Ich bin sehr dankbar für jede Hilfe und jede Möglichkeit, die wir hier bekommen. Dass wir hier Zuflucht gefunden haben und sicher sind. Aber ich fühle mich dennoch klein, wie ein Mensch, der weniger wert ist, der nichts hat. Damit meine ich nicht materielle Dinge, sondern dass ich niemanden habe; keine Freunde, keine Familie, keine Aufgabe hier.“ Er macht eine kurze Pause: „Klar hab ich die meisten materiellen Dinge verloren, aber ich habe was viel wichtigeres verloren. Meine Heimat und vor allem Zeit. Der Krieg und seine Teilnehmer haben mir, haben uns einen Teil unserer Lebenszeit genommen, die wir nicht wieder bekommen!“

Eine Sache hat er nach all den Dingen jedoch nicht verloren: die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass er sich hier in Deutschland ein neues Leben aufbauen kann. Er sitzt auf seinem Stuhl in der Küche, etwas nachdenklich über das Gespräch, das wir geführt haben, die Umstände seiner Flucht und seine Heimat. Es war nicht leicht für ihn, darüber zu sprechen.

Er zieht an seiner Zigarette: „Ich bin nicht hier her gekommen, weil ich auf Kosten anderer Leute leben möchte, oder mich verstecken will. Ich bin hergekommen, weil es keine andere Möglichkeit gab. Ich möchte mir mein Leben wieder aufbauen und dafür arbeiten, mir eine Perspektive erarbeiten.“

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Text & Fotos: Jan Brockmann

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