Satenik, 58 Jahre

Name: Satenik
Alter: 58 Jahre
Herkunft: Gherghi, Armenien
Tätigkeit im Heimatland: Chemieingenieurin, gearbeitet in einer Diamantfabrik
In Deutschland seit: März 2015
Sprachkenntnisse: Armenisch (Muttersprache), Russisch (sehr gut), Englisch (Grundkenntnisse), Deutsch (wird immer besser)
Liebt: Reisen, neue Kulturen kennenlernen, die Geschichte eines Landes erforschen, Spazieren gehen, Backen, Lesen, Musik (Klassik, aber auch Rock)
Beschreibt sich selbst als: einen ehrlichen, vertrauenswürdigen und großherzigen Menschen, der selbst dem Feind in Not Hilfe leistet
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Sprachschule besucht, Fahrradschule besucht, um Fahrrad fahren zu lernen, regelmäßiges Schwimmen und Gymnastik
Größter Wunsch: Als Teil von Armenien die Geschichte und das Volk zu präsentieren, damit alle in Not gedrungenen Menschen ebenfalls die Möglichkeit erlangen, in Sicherheit und in Frieden mit ihren Familien leben zu können

Satenik ist 58 Jahre alt und kommt aus Armenien. Geflohen ist sie ganz alleine – erst nach Griechenland, dann in einem kleinen, verdunkelten Transportwagen nach Deutschland. Eine Fahrt ins Ungewisse, wie sie ihre Flucht heute beschreibt, denn sie wusste damals nicht, ob sie tatsächlich jemals in Deutschland ankommen wird. Satenik, oder „Sati“ wie sie von allen liebevoll genannt wird, blickt auf ein Leben voller Erfahrungen und Schmerz zurück. Sie ist dankbar in Deutschland zu sein. Sie schätzt die Deutschen für ihre Hilfsbereitschaft. Als studierte Chemieingenieurin würde sie gern in ihren alten Job zurück. Aber eine Stelle in einem Alten- oder Pflegeheim würde sie auch gern annehmen, da sie es als ihre Pflicht sieht, schwächeren Menschen zu helfen.

Satenik ist 1958 in Armenien geboren. Sie lebt allein, ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Als eins von sechs Geschwistern füllt sie diese Lücke mit ihrer eigenen Familie: „Meine drei Brüder und meine zwei Schwestern sind mein Ein und Alles“, erzählt Satenik. „Das Leben war damals in nicht einfach, wir lebten in einem kleinen Haus, alle Geschwister in einem Zimmer, aber wir liebten uns. Das hat uns stark gemacht und uns jeden Tag neue Hoffnung gegeben“ fügt sie hinzu.

„Der Vater ist der Zaun von außen, aber die Mutter ist alles für die Familie“, sagt Satenik mit trauriger Stimme. Als die Mutter 1977 stirbt, übernimmt Satenik ihre Rolle in der Familie. Eine große Last und viel Verantwortung, die allein auf ihren Schultern liegen. Das Leben von Satenik hat sich enorm erschwert. Sie muss sich um den Haushalt kümmern, ihre Geschwister versorgen und gleichzeitig ihre Familie fest zusammenhalten. Doch Satenik ist sehr stark. Das hat sie wohl von ihrer Mutter.

Gleichzeitig studiert sie damals Chemieingenieurwesen in der Hochschule von Jerewan. Währenddessen arbeitet sie in dem Chemielabor der Berufsschule für Bausubstanzen. Nach dem Studium arbeitet sie bis 2005 in einer Diamantfabrik in Nor Hachni, Armenien. Dabei reist sie beruflich viel nach Russland und in die Ukraine.
Als 2005 die Fabrik geschlossen wird, fängt sie an in vielen unterschiedlichen, privaten Fabriken zu arbeiten. „Diese Zeit war sehr hart für mich“, beschreibt Satenik. „Wenn man arbeitslos ist, hat man keine Stimme mehr im Land. Das Land sieht dich nur noch als ein Gut an und nicht als einen Menschen mit Rechten“ fügt sie hinzu. Doch diese schwere Zeit hat die Familie noch mehr zusammengeschweißt – bis heute. Selbst als Satenik die Entscheidung zur Flucht trifft, steht ihre Familie hinter ihr und gibt ihr Mut.

Sie erzählt die Geschichte ihres Landes:

„Armenien ist ein Binnenstaat im Kaukasus und liegt im Bergland zwischen Georgien, Aserbaidschan, dem Iran und der Türkei. Armenien ist mit Aserbaidschan und der Türkei verfeindet. Diese Feindschaft geht bereits sehr viele Jahre zurück. Bis zu dem Punkt, als der Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 stattfand, der jedoch bis heute offiziell nicht als Genozid anerkannt wurde. Weiterhin herrscht ein weiterer Krieg in Armenien. Der Bergkarabach-Konflikt ist ein Konflikt der Staaten Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach im Kaukasus. Nach der Unabhängigkeitserklärung von Armenien und Aserbaidschan 1918 erhoben beide Republiken Anspruch auf Bergkarabach. Dieser Konflikt brach während des Zerfalls der Sowjetunion ab 1988 neu aus. Er dauert bis heute an. An den Grenzen von Aserbaidschan und der Türkei fallen jeden Tag Schüsse. Jeden Tag lassen viele junge Soldaten ihr Leben. Viele Familien fliehen aus Armenien, um das Leben ihrer jungen Söhne zu retten.“

Resultierend aus diesen Konflikten fühlt Satenik jeden Tag aufs Neue die Ungerechtigkeit in ihrem Land. Sie spürt die Angst der Bürger, die keinerlei Stimme haben. „Ich konnte nicht mehr zusehen, wie die Menschen verhungern und wie mein Land allmählich kaputt geht“, sagt sie mit einem starken Ausdruck. Man sieht die Ernsthaftigkeit in ihrem Gesicht. Sie entschließt sich, am 1. März 2008 an der Massendemonstration in der Hauptstadt von Armenien teilzunehmen. Sie tut sich mit Gleichgesinnten zusammen und kämpft gegen die Ungerechtigkeit. Dabei wird sie lebensbedrohlich verletzt. Nach langen Diskussionen mit ihrer Familie entschließt sie sich, das Land zu verlassen.

In der griechischen Botschaft stellt sie den Antrag für ein Visum. Dieser wird ihr gewährt. Im Dezember 2014 steigt sie in einem Bus und fährt nach Georgien. Mit Tränen in den Augen beschreibt sie ihre Gefühle: „Es war für mich sehr schwierig, alles zurückzulassen was mir so unendlich wichtig war – meine Familie, meine Freunde, das Land.“ Satenik bleiben nur noch die Erinnerungen. Das kann ihr niemand wegnehmen. Weinend setzt sie sich in den Bus. Es ist eng. Mitnehmen kann Satenik nur einige Kleidungsstücke und ihr Handy. Das ist ihr besonders wichtig, um ihre Familie anzurufen und einen Lebenston von ihr zu geben. Es ist eine kalte Nacht. Die Fahrt dauert sieben Stunden. In Georgien bleibt sie eine Nacht in dem Haus eines Bekannten und setzt am nächsten Morgen ihre Reise Richtung Griechenland mit dem Bus fort.

In dem Bus lernt sie eine Griechin kennen. Nachdem Satenik ihre Geschichte erzählt, bietet sie Satenik ihr Haus als Unterkunft an und verspricht ihr dabei zu helfen, eine Arbeit zu finden. „In dem Moment brach ich in Tränen aus und spürte wieder Hoffnung“, sagt Satenik. Nach drei Tagen kommen sie in Saloniki an. Wieder ist die Nacht sehr kalt. Sie steigen in ein Taxi und fahren nach Hause. Dort lebt Satenik bis März 2015. Doch die Lage in Griechenland ist ebenfalls nicht stabil. Trotz langer Suche findet sie keinen Arbeitsplatz, sodass sie wieder in eine sehr schlimme psychische Verfassung verfällt. Die Familie hilft ihr finanziell und Satenik verlässt Griechenland.

„Man sagte mir, dass ich nach Deutschland gehen soll. Es ist ein sehr humanitäres Land und hilft allen Menschen in Not. Das kann ich heute nur bestätigen. Deutschland war und ist meine Rettung.“

Satenik setzt sich mit fünf weiteren Flüchtlingen in einem kleinen Transportwagen und wagt den Schritt nach Deutschland. Sie überreicht ihre Reisedokumente dem Fahrer und darf keinerlei Fragen stellen. Mit großer Angst und ohne Wissen, wem sie ihr Leben anvertraut, setzt Satenik ihre Reise fort. „Ich wusste nicht, ob diese Fahrt meine Rettung ist oder mich in den Tod führt. Aber eins wusste ich genau, es gibt für mich kein Zurück mehr“, ihre Stimme zittert, während sie davon erzählt. Die Fahrt dauert drei Tage. Es ist sehr eng. Man kriegt kaum Luft. Es gibt keinen Platz für Gepäck. Der Fahrer hat nur Wasser bei sich, aber auch das Wasser ist sehr knapp und es gibt kein Essen. „Vielleicht sind wir durch Italien gefahren, ich weiß es nicht. Es war alles verdunkelt“, erinnert sich Satenik. Am 13. März um 12:00 Uhr kommen sie in Zirndorf in Bayern an. Der Fahrer lässt sie an einem einsamen Ort aussteigen, sagt, dass sie zur Polizei gehen sollen und fährt sofort weg. Von der Fahrt ganz ermüdet und kraftlos geht Satenik zur Polizei. Dort werden ihre Fingerabdrücke genommen. Anschließend bekommt sie einen Zettel mit ihrem Namen und soll damit Asyl beantragen. Im Flüchtlingsheim von Zindorf wird Satenik untergebracht und kann das erste Mal ihre Familie anrufen und sagen, dass sie noch lebt und in Deutschland ist. Dort bekommt sie ein Zimmer. Nach vier Tagen muss sie jedoch auch Zindorf verlassen. Sie soll nun nach Neumünster. Satenik bekommt ein Bahnticket und macht sich auf dem Weg. Das Land ist ihr unbekannt, die Straßen und die Menschen ebenfalls. Das große Land macht ihr Angst und sie fällt erneut in einem Schock-Zustand. „Ich hatte sehr große Angst und dachte, dass ich mich in Deutschland verlaufe und nicht zurecht finde. Aber in Deutschland verläuft sich keiner“, fährt Satenik mit einem Lächeln fort. Ein junger Mann hilft Satenik und zeigt ihr, wie sie zu ihrer Bahn gelangt. Sie ist sehr überrascht wie freundlich alle Menschen sind und ihr sofort helfen. Dieses Verhalten ist vollkommen neu für Satenik. Sie hat sowas in ihrem Land noch nie erfahren. Dies gibt ihr wieder viel Mut und Hoffnung, nicht aufzugeben und weiterzumachen. Sie setzt ihre Bahnfahrt fort und wechselt fünf Mal die Bahn. Jedes Mal fragt sie, ob sie in die richtige Bahn einsteigt. Jedes Mal wird ihr geholfen. Dann kommt sie endlich nachmittags um 17:00 Uhr in Neumünster an. Sie setzt sich in einen Bus und fährt zu der ihr genannten Adresse.

Als sie dort ankommt, sieht sie die großen Hochhäuser. Sie weiß, dass sie dort richtig ist und läuft zur Informationsstelle. Dort empfängt sie eine Frau Namens Teresa. Satenik bekommt ein kleines Zimmer. Nach einer Woche gibt sie ein kurzes Interview und erzählt dabei ihre ganze Geschichte. Sie soll auf die Aushänge warten, in der die Namen und der künftige Wohnort aufgelistet sind. Satenik wartet und hofft. Dann sieht sie die Aushänge. Sie sucht ihren Namen. Neben ihrem Namen steht der Ort „Reinbek“. Am 31. März setzt sie sich wieder in die Bahn und fährt nach Bad Oldesloe. Von dort aus geht es mit dem Taxi weiter nach Reinbek. Heute lebt Satenik dort und ist sehr glücklich.

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Satenik liebt das ruhige und friedliche Leben in Deutschland. Am meisten liebt sie den Frühling und die vielen bunten Blumen. Ein Spaziergang gibt ihr das Gefühl, frei zu sein. Wenn es draußen regnet und stürmt, bleibt sie gerne zu Hause. Dort hat sie sehr viele Deutschbücher. Diese liest sie gerne, um die Sprache besser beherrschen zu können. Jeden Sonntag geht sie in eine katholische Kirche und nimmt an dem Gottesdienst teil, betet und singt mit. Das gibt Satenik die innerliche Ruhe nach der sie sich ganz stark sehnt. Ihr größter Wünsch ist es, ihren Beruf auch in Deutschland fortführen zu können und als Chemieingenieurin zu arbeiten. Sie würde aber auch sehr gerne in einem Pflege- oder Altenheim arbeiten, denn sie hilft gern alten Menschen, ist für sie da, spendet Trost und hört zu.

Ihre Gefühle beschreibt sie in einem sehr leisen Ton. Vieles will sie erzählen, ihr Herz der Welt eröffnen, aber die Angst zwingt sie zur Stille. Ihr liegt etwas auf dem Herzen. Nach einem tiefen Atemzug sagt sie: „Deutschland ist ein sehr menschenfreundliches Land. Während meiner Flucht hatte ich die Hoffnung verloren. Ich habe nicht mehr geglaubt, dass ich in einem Land ankomme, in dem ich mich als vollwertiger Mensch fühlen kann, in dem Frieden herrscht und in dem ein Mensch wertgeschätzt wird und Rechte besitzt. Deutschland hat mich aufgenommen, mir ein Dach über den Kopf gegeben und mir aus der grausamen Zeit geholfen. Das werde ich niemals vergessen. Ich vermisse jeden Tag meine Familie und Freunde, die ich in Armenien zurücklassen musste. Ich vermisse jeden Tag mein Land, die Luft, das Wasser und selbst die Erde meines Landes. Ich vermisse das Brot, die Straßen, die Häuser; ich vermisse alles in meinem Land. Dennoch bin ich aus tiefstem Herzen dankbar, dass ich heute hier bin und in Frieden leben darf.“

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Text: Julietta Matinjan
Foto: Roeler

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