Khaled, 38 Jahre

Name: Khaled
Alter: 38 Jahre
Herkunft: Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Busfahrer an der Universität von Damaskus, eigenes Geschäft in dem Pizza und Säfte verkauft wurden
In Deutschland seit: 5. November 2014
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Deutsch (gut)
Zusatzqualifikationen: Bus- und LKW-Führerschein
Liebt: seine Frau Ghadir und seine drei kleinen Kinder; Arbeit; gute Menschen
Beschreibt sich selbst als: fleißig, lernt schnell, wissbegierig; hat ein gutes Herz
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Leitet die Werkstatt in Reinbek, in der alte Fahrrädern für Flüchtlinge wieder aufbereitet werden; hilft bei der Freiwilligen Feuerwehr; ehrenamtliche Hausmeistertätigkeit in der Deutschschule für Flüchtlinge in Reinbek; Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“; hilft in seiner Freizeit den Nachbarn im Garten oder bei kleineren Reparaturen; hilft Freunden mit Naturheilmitteln gegen Hautausschlag
Größter Wunsch: Seine Familie wieder zu sehen; einen oder am liebsten gleich zwei Jobs zu finden, mit denen er seine Familie ernähren kann; gerne würde er wieder als Busfahrer oder in einer Pizzeria arbeiten

+++ UPDATE +++


REFUBURG freut sich für Khaled. Seit einigen Wochen ist seine Familie endlich in Deutschland. Zum Zeitpunkt des Interviews für sein REFUBURG-Profil waren seine Frau und seine drei Kinder noch in der Türkei. Niemand wusste, wie lange es dauern würde, bis er sie endlich wiedersehen würde. Nun sind sie nach über 1,5 Jahren Trennung wieder vereint.

Außerdem freuen wir uns, dass wir Khaled mit Hilfe seines Profils ein Gespräch bei der Stadtreinigung Hamburg vermitteln konnten. Er hat im Gespräch alle von sich überzeugen können und ist nun seit dem 1. Juni 2016 als Entsorger bei der Stadtreinigung Hamburg angestellt.

Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die Zukunft!

  

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Vor einem Jahr flieht Khaled für seine Familie aus Syrien. Vor dem Regime, dem Terror und den Bomben. Alles was er will, ist eine sichere Zukunft für seine Familie – besonders um seine drei kleinen Kinder macht er sich große Sorgen. Seine Frau lebte mit ihnen bis vor wenigen Monaten noch im syrischen Aleppo. Khaleds tägliche Sorge um seine Familie war groß. Er hatte Angst, die Bomben könnten beim nächsten Abwurf das Haus treffen, in dem sich seine Familie versteckt hält. Jetzt sind sie in der Türkei. „Jetzt sind sie sicher“, sagt Khaled, „zumindest fürs Erste.“ Dreieinhalb Monate ist Khaled auf der Flucht, geht den größten Teil der Strecke zu Fuß. Vier Paar Schuhe läuft er dabei kaputt. Angekommen in Deutschland ist er zu einer Art Institution geworden – übernimmt Verantwortung, wo er nur kann. Hilft bei der Freiwilligen Feuerwehr und ist verantwortlich für die Fahrradwerkstatt, in der alte und kaputte Fahrräder für Flüchtlinge wieder aufbereitet werden.

Khaled ist 38 Jahre und lebt seit einem Jahr in einem kleinen Ortsteil von Reinbek. Er lebt dort in provisorischen Containern mit anderen geflüchteten Männern zusammen. Er ist zufrieden mit der Wohnsituation. Er habe keine großen Ansprüche, sagt er. Wir treffen uns für unser Gespräch in einem kleinen Eiscafé in Reinbek. Ich trinke Kaffee, er Tee. Khaled kommt wie immer aus dem rund fünf Kilometer entfernten Krabbenkamp mit dem Fahrrad. Die Strecke ist er heute schon zwei Mal gefahren – vormittags zum Deutschkurs und nun zum Termin mit mir. Es macht ihm nichts aus. Denn er liebt es, viel unterwegs zu sein und ständig etwas zu tun zu haben. Das merke ich auch bei der Terminfindung für unsere Treffen – es gibt keinen Tag in der Woche, an dem er keine Termine hat. „Immer gibt es irgendwo etwas zu tun“, sagt Khaled, „in der Schule, in der Fahrradwerkstatt oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ich mag das, ich finde es gut, viel zu tun zu haben.“

Geboren ist Khaled in Kafr Karmin, eine Vorstadt von Aleppo in Syrien. Neun Jahre geht er dort zur Schule. Er lebt mit seinen sieben Geschwistern bei seiner Mutter.
Früh weiß er, was es heißt zu arbeiten: Mit elf Jahren hat Khaled seinen ersten Job. Hilft seiner Familie, indem er etwas dazu verdient. Die Verantwortung und das Geldverdienen beginnen früh in Khaleds Leben. Aber das ist in Ordnung so, sagt er. „Wenn man Zeit hat und gesund ist, sollte man viel arbeiten. Wenn man noch mehr Zeit hat, dann sollte man noch viel mehr arbeiten“, sagt Khaled. Und diese Aussage lebt der 38-Jährige. Es dauert einige Zeit, bis Khaled fertig mit der Aufzählung seiner Jobs ist – wer so früh anfängt zu arbeiten, und meist mehr als einen oder zwei Jobs täglich ausübt, hat eine Menge zu erzählen: Als junger Mann arbeitet Khaled für eine Möbelspedition, später dann in einer Autowerkstatt für Fahrzeuge der Marke Landrover, außerdem in einem Schuhgeschäft, zuletzt als Busfahrer und zusätzlich noch in einem Geschäft, in dem Pizza und frischgepresste Säfte verkauft werden. Er ist ein Allrounder, lernt schnell und übernimmt gern Verantwortung.

Ein richtiger Job fehlt ihm hier in Deutschland, er vermisst die Arbeit. Er vermisst es, immer etwas zu tun zu haben. Denn wenn er zu viel Zeit hat, kommt er ins Grübeln. Denkt an seine Frau und seine drei Kinder, die er seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Im Oktober 2015 hatten sie es über die Grenze in die Türkei geschafft. Ein Glück! Denn der Ort in der Nähe von Aleppo, in dem sie sich versteckt hielten, wurde jeden Tag bombardiert. Manchmal hört Khaled damals tagelang nichts von seiner Frau. Die Verbindung brach oft ab. Meist weiß er viele Tage nicht, ob seine Familie am Leben ist oder nicht. Deshalb braucht er etwas zu tun, sagt er. Um sich abzulenken. Und viel zu tun, um sich sehr stark abzulenken. Daher hilft er auch in Reinbek wo er nur kann: Er trägt die Verantwortung für die Fahrradwerkstatt, die extra eingerichtet wurde, um alte und kaputte Fahrräder für Flüchtlinge wieder aufzubereiten. Außerdem ist er der Hausmeister in der Schule, in der die Flüchtlinge Deutsch lernen. Er hilft darüberhinaus gern bei der Freiwilligen Feuerwehr. Dass er handwerklich sehr geschickt ist, hat sich auch in Reinbek schnell rumgesprochen. Oft fragen ihn Nachbarn, ob er mal mit anpacken oder etwas reparieren könne. „Das mache ich gern, diese Menschen haben ein gutes Herz“, so Khaled.

Wir führen das Gespräch auf Deutsch. Das klappt gut. Wenn wir beide nicht mehr weiter wissen, malen und googeln wir oder wir versuchen das Wort mit Händen und Füßen darzustellen. Wir lachen viel. Immer wieder unterbrechen wir unser Gespräch, weil Kahleds Handy vibriert. Eine Nachricht von seiner Frau. Dafür unterbreche ich das Gespräch gern. Er ist erleichtert, dass seine Familie zumindest in der Türkei sicher vor den Bomben ist. „Kurz nach ihrer Flucht haben wir gehört, dass in Syrien alle Wege und Straßen in Richtung des Nachbarlandes Türkei vermint wurden, damit keine Zivilisten mehr das Land verlassen können“, sagt Khaled. Er ist entrüstet, wenn er darüber spricht, wie schwer der Krieg die unschuldige Zivilbevölkerung getroffen hat und immer noch trifft.

Während des Krieges arbeitet Khaled tagsüber in Damaskus als Busfahrer und nachmittags bis spät in die Nacht in einem Geschäft, in dem er frisch gepresste Säfte verkauft. Er lebt damals mit seiner Familie in Harasta – einem Vorort von Damaskus. Im August 2013 verübt die Regierung dort und in anderen Vororten einen heimtückischen Giftgas-Angriff auf die zivile Bevölkerung. Hunderte Kinder, Frauen und Männer sterben qualvoll an dem Nervengift Sarin. Khaleds Familie bleibt verschont, aber sie fliehen, zu groß ist die Angst vor weiteren Angriffen.

„Als wir damals die Stadt verließen, waren meine Töchter Reem und Leen sechs und drei Jahre alt; mein Sohn Yassin war damals fünf Jahre alt. Wir wollten sie schützen, wollten, dass sie die vielen Leichen in den Straßen nicht sehen. Also haben wir ihnen die Augen mit einem Stück Stoff verbunden und sind spät in der Nacht geflohen. Sie sollten einfach nicht die grausame Realität vor unserer Haustür sehen. Reem fragte mich damals kurz vor der Flucht, warum ich so zittere... Es war sehr, sehr riskant zu fliehen, aber wir hatten keine andere Wahl“, erzählt Khaled.“

Ein weiteres Jahr lebt die Familie in dem immer mehr vom Krieg zerrütteten und zerstörten Land. Als Khaled im August 2014 zum Militär eingezogen werden soll, beschließt die Familie seine Flucht. Er flieht über die Landesgrenze in die Türkei, um von dort aus mit einem Schlauchboot nach Griechenland überzusetzen. „Das Schlauchboot war für maximal sechs Menschen geeignet. Wir waren 46 als wir losfuhren“, schildert Khaled die gefährlichen Umstände. Der erste Versuch wird von der türkischen Polizei verhindert. Drei Tage später geht es mitten in der Nacht ein zweites Mal los. Umkehren ist keine Option. Keine Polizei, die Flucht gelingt.

Doch kurz vor der griechischen Küste beginnt das Wetter umzuschlagen, der Wellengang wird stärker. Das Boot läuft mehr und mehr mit Wasser voll und droht zu sinken – aber das Ziel ist schon so nah. Alle schaufeln mit leeren Wasserflaschen das Wasser aus dem Schlauchboot. Kurz vor der Küste können sie das letzte Stück schwimmen. In Griechenland angekommen läuft Khaled sofort weiter – zu groß ist die Angst, von der Polizei aufgelesen zu werden. Zu Fuß flieht er über die Berge bis nach Mazedonien. Dort angekommen, hört er von großen Problemen anderer Flüchtlinge mit der Polizei und der Mafia. Also beschließt Khaled, sich für eine Weile zu verstecken. In einem Waldstück lebt er zwei Monate lang. Schläft unter freiem Himmel und ist auf sich allein gestellt. Dort habe er wundervolle Menschen getroffen, so sagt er. Menschen, die ihm für etwas Hilfe am Haus Essen geschenkt haben. Nach acht Wochen geht es weiter. Diesmal nach Serbien. Von Serbien geht es mit dem Bus weiter nach Ungarn.

Am 3.11.2014 wird Khaled mit anderen Flüchtlingen von der ungarischen Polizei verhaftet. Alle kommen ins Gefängnis. „100 Menschen waren in einem Raum eingesperrt. Es gab nur eine Toilette für alle. Alles war dreckig, wir bekamen kein Essen“, sagt Khaled. Kurz darauf wird er wieder freigelassen. Warum, weiß er nicht. Aber es ist auch nicht wichtig, denn nun geht es weiter nach Budapest und von dort aus über Österreich nach Deutschland. Angekommen in Hamburg, suchen Khaled und zwei seiner Weggefährten nach der Polizei. Hier wollen sie registriert werden. Endlich sind sie angekommen. Aber keiner interessiert sich vorerst für die Männer. Von anderen Flüchtlingen haben sie von einem Flüchtlingscamp im Stadtteil Hamburg-Harburg gehört. Ein Anhaltspunkt, also machen sich auf den Weg. Am Harburger Bahnhof dann werden sie von der Polizei aufgegriffen. Sie kommen ins Camp. Nach nur einem Tag muss Khaled weiter. Er soll ins Flüchtlingscamp nach Neumünster. Von dort aus kommt er am 25.11.2014 nach Reinbek. In den Krabbenkamp. Dort lebt er heute immer noch.

Eine eigene Wohnung will Khaled sich erst suchen, wenn seine Familie endlich bei ihm ist. Bis dahin würde er so gern einen Job finden, um selbstständig für seine Familie sorgen zu können. So wie er es immer getan hat. Schon sein ganzes Leben. Gut wären alle Jobs, bei denen handwerkliches Geschick benötigt wird oder Khaled einfach mit anpacken kann. Sei es Fahrräder reparieren, Möbel aufbauen, Pizza backen, Bus fahren (Bus- und LKW-Führerschein vorhanden) oder bei der Gartenpflege helfen.

Ich habe Khaled als offenen, sympathischen, fleißigen und lebensmutigen Menschen kennengelernt. Er hat ein reines Herz. Für die Menschen, die ihm etwas bedeuten, setzt er sich unermüdlich ein. Ich wünsche es ihm so sehr, dass er seine Pläne und Ziele verfolgen kann. Und ich hoffe, dass ich schon sehr bald seine Frau und seine Kinder kennenlernen darf. Doch bis dahin bleibt Khaled nur, zu warten und dort anzupacken, wo er nur kann. Damit er etwas Ablenkung bekommt von den Gedanken, die ihn immer wieder zurück nach Syrien bringen.

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Text: Kristina Rieck
Foto: Jan Brockmann

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