Mohammad, 26 Jahre

Name: Mohammad
Alter: 26
Herkunft: Medan, Damaskus, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Elektriker
In Deutschland seit: 25. August 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), jetzt lernt er intensiv Deutsch
Zusatzqualifikationen: er hat sechs Monate auf einer Musikschule in Syrien gelernt, kann die Oud spielen (arabische Gitarre)
Liebt: seine Familie, seine Verlobte Amera (19), singen
Beschreibt sich selbst als: ehrgeizig, Vaterfigur für seine Familie in Syrien
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Mitarbeit in der Fahrradwerkstatt in Reinbek; Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“, singt im Kirchenchor
Größter Wunsch: seiner Familie in Syrien zu helfen und sie zu unterstützen

Erst seit fünf Monaten ist Mohammad in Deutschland. Seine Familie hat er aber bereits im Sommer 2014 verlassen. Auch seine Verlobte musste er in Syrien zurücklassen. Mohammad sollte eingezogen werden, eine Zeit im Militär wartete auf ihn. Auf keinen Fall wollte er Soldat im blutigen Regime werden. Die Flucht war sein einziger Ausweg. Nach elf Monaten im Libanon wagte er den weiten Weg nach Deutschland. Zwanzig Tage war er unterwegs – und fand in Reinbek einen sicheren Zufluchtsort.

„Mein Herz war tot.“ Wir sitzen in einem belebten Café in der Hamburger Innenstadt. Um uns herum ein Kommen und Gehen, als Mohammad mit diesen vier Worten deutlich macht: Ein Leben in Syrien war für ihn nicht mehr vorstellbar.

Das Schicksal schlägt schon vor vier Jahren zu. Ebrahim, Mohammads Vater, verschwindet spurlos. „Er ist zur Arbeit gegangen und nicht wieder nach Hause gekommen“, erzählt er. Niemand weiß, was mit Ebrahim passiert ist. Ob er noch lebt? „Keine Ahnung.“ Von nun an ist die Familie auf sich alleine gestellt.

„Ich war wie der Vater“, stellt Mohammad fest. Mutter Lames und seine Schwestern Lana (24, lebt mittlerweile in Jordanien), Rama (18) und Reem (17) können sich auf ihn verlassen. Er arbeitet als Elektriker. „Sieben Jahre lang.“ Doch Ebrahim wird schmerzlich vermisst. Trotzdem: „Ich hatte ein gutes Leben in Medan im Damaskus.“
Doch dann soll Mohammad eingezogen werden. Das Regime braucht ständig neue Männer. Für den 26-Jährigen kommt das nicht infrage. 35 Dollar kostet ihn dann die Flucht in den Libanon. Zwei Stunden Autofahrt in ein neues, ungewisses Leben. „Von dort habe ich direkt meine Mama angerufen. Sie war froh, dass ich in Sicherheit war“, erinnert sich Mohammad zurück. Die Sicherheit, sie bedeutet aber auch: Zurück in seine Heimat wird er nicht mehr können.
Elf Monate arbeitet er in der Stadt Jbbel als Elektriker. Ein Freund seines Vaters hat ihm den Job besorgt. Das Geld, das er verdient, spart er – für seine Familie in Medan und für ein neues Leben in Europa.

„Immer noch sind die Erinnerungen an Syrien schmerzhaft. Die Ungewissheit über den Verbleib des Vaters, die zurückgelassene Familie. Auch Mohammads Verlobte Amera ist noch im Damaskus. „Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder zusammen sind“, sagt er. Viele seiner Freunde hat er zu diesem Zeitpunkt schon verloren. Einige sind ebenfalls geflohen, doch viele sind durch Bomben ums Leben gekommen.“

Am 5. August 2015 beginnt dann der zweite Teil von Mohammads Reise. Eine Odyssee durch sechs Länder. Mit dem Flugzeug geht es vom Libanon in die Türkei, danach mit dem Boot rüber nach Griechenland. „52 Menschen waren mit mir an Bord, insgesamt sechs Stunden haben wir für die Überfahrt gebraucht.“ Unter den 52 Menschen auch Babys. An der Küste Griechenlands hilft ihnen die Polizei, an Land zu kommen. Mit Bus und Zug und schließlich zu Fuß erreicht Mohammad dann die Grenze Mazedoniens. Von dort geht es weiter nach Serbien und Ungarn, ebenfalls mit Bus und teilweise lange Strecken zu Fuß. In Ungarn besteigt er mit mehreren Menschen ein Taxi, das sie nach Österreich bringen soll. „600 Euro pro Person mussten wir dafür zahlen“, denkt Mohammad zurück. „Eine richtige Flüchtlingsmafia.“ In Österreich dann die gleiche Abzocke. „Einer wollte uns nach Deutschland bringen, hat das Geld genommen und ist nie wieder aufgetaucht.“ Zwei Tage ist er dann bei der österreichischen Polizei, die ihn schließlich in einen Zug nach Deutschland setzt. Nach zwanzig Tagen erreicht er endlich München. „Ich habe einen Cousin in Kiel, zu dem wollte ich gerne“, sagt Mohammad. Also noch einmal quer durch Deutschland mit dem Zug. „Ich habe mir ein Bahnticket für 142 Euro gekauft.“

Zwei Tage bleibt er in Kiel, dann geht es in die Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster. Hier kann Mohammad zum ersten Mal wieder aufatmen und zur Ruhe kommen. Er ist glücklich, dass er die Flucht überstanden hat. „3200 Euro habe ich insgesamt für den Weg bezahlt.“ Aus seiner Heimat bleiben ihm nur Erinnerungen und die Reisetasche, die er mitgenommen hat. „Eine Jacke, eine Wasserflasche, eine Mütze, ein Pullover, eine Jeans, ein Paar Schuhe und Nähzeug waren dort drin“, erzählt er.

Einen Monat und zwei Wochen bleibt er in Neumünster, dann zieht er nach Reinbek. Hier teilt er sich ein Haus mit 26 anderen Männern. Erst lebte er in einem Zimmer mit drei anderen, mittlerweile hat er sein eigenes. „Das ist besser und ruhiger, so kann ich mich aufs Deutsch lernen konzentrieren.“ Denn seit zwei Monaten lernt er die Sprache seiner neuen Heimat jetzt in einem Intensivkurs.
In Khaled, ebenfalls aus Syrien, hat er einen guten Freund gefunden, fast schon einen Vaterersatz. „Er unterstützt mich sehr. Dafür bin ich dankbar“, sagt Mohammad. Khaled ist es, der Mohammad mit in die Fahrradwerkstatt in Reinbek nimmt und ihm dort beibringt, aus alten Rädern ein gutes neues zu machen. Drei Mal in der Woche arbeitet er jetzt dort. Für seine Zukunft hat er aber einen anderen Plan: „Ich möchte eine Ausbildung zum Tontechniker machen“, hat er sich überlegt. Zuhause oder im Kirchenchor beschäftigt er sich bereits mit Tönen und Klängen: Er singt viel.. „Ich kann leider noch keine deutschen Lieder singen, aber bald“, ist er sich sicher. In seinem Zimmer in Reinbek schreibt er auch eigene Lieder. So wie das, was er mir in dem belebten Café, wo wir zusammensitzen und sprechen, vorsingt.

„Du bist gegangen. / Mein Herz ist mir dir gegangen. / Ich atme deine Luft./ Ich möchte mit dir zusammenleben.“ Ein Lied über seinen Vater, dessen Verschwinden oft die Gedanken von Mohammad bestimmen.

„Er ist ein guter Mensch, ein guter Vater und mein Freund. Ich vermisse ihn sehr. Und ich habe Angst, den Rest meiner Familie zu verlieren.“ Deshalb ist es jetzt sein größter Wunsch, seiner Familie in Syrien zu helfen.
Nach fünf Monaten in Europa hat Mohammad ein gutes Gefühl. „Deutschland ist wie eine Mutter für uns. In Syrien habe ich zu viel Blut gesehen. Hier in Deutschland habe ich so viele nette Menschen getroffen, die mir geholfen haben. Jetzt ist mein Herz wieder etwas geheilt.“

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Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Jan Brockmann

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