Sherko, 19 Jahre

Name: Sherko
Alter: 19 Jahre
Herkunft: syrischer Kurde, Qamischli, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Schüler
In Deutschland seit: 9. Dezember 2014
Sprachkenntnisse: Kurdisch (Muttersprache), Arabisch, jetzt lernt er Deutsch und Englisch
Liebt: seine Familie und Freunde, anderen Leuten zu helfen, kochen
Beschreibt sich selbst als: ruhig, offen für andere Kulturen und Religionen
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: ehrenamtliche Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“ und in der DRK-Kleiderkammer in Reinbek
Größter Wunsch: ein „normales“ Leben führen; irgendwann ein Haus in Deutschland kaufen; eine Ausbildung machen

Sherko ist ein junger, syrischer Kurde. Er kommt aus Qamischli, einer Stadt im Nordosten Syriens. Schon mit 17 Jahren muss er seine Familie und sein Zuhause verlassen. Der Krieg zwingt seine Familie dazu, ihren damals minderjährigen Sohn auf die gefährliche Route nach Europa zu schicken. Allein macht er sich auf die Reise in ein unbekanntes, fernes Land. Auf seiner Flucht lauern viele Gefahren. In Bulgarien gelangt er in die Hände der Mafia. Er wird beklaut und entführt. Sein Vater muss ihn aus der Gefangenschaft freikaufen. Heute ist Sherko 19 Jahre alt und wohnt in Reinbek bei Hamburg. Seine Familie harrt noch immer in Syrien aus.

„Ich war erst 17, als ich Syrien verlassen habe“, sagt Sherko. Als ich ihn frage, wie und wieso er entschieden hat, Syrien zu verlassen, sagt er, dass die Entscheidung nicht ausschließlich seine war. Vielmehr war es die Entscheidung seiner Familie. Das Leben in Syrien ist mehr als nur „schwer“ geworden, seit Anfang des Krieges. Der Vater sucht damals dringend nach einer Lösung, damit die gesamte Familie Zuflucht in einem sicheren Land finden kann. Raus aus Syrien, raus aus der Gefahr, dass seine Familie bald auch zu den Opfern dieses Krieges zählen könnte. Eine verzweifelte Situation.

Sherkos Vater hat drei Söhne und zwei Töchter. Er erfährt von Bekannten, dass Familien gute Chancen für eine Asylanerkennung in Deutschland haben, wenn ein minderjähriges Familienmitglied alleine flüchtet, ihm Asyl gewährt wird und er dann eine Familienzusammenführung beantragt. Keine leichte Entscheidung, aber in den Augen von Sherkos Vater die einzige Möglichkeit – und ein Hoffnungsschimmer. Sherkos älterer Bruder ist schon volljährig und seine anderen Geschwister sind zu jung für so eine gefährliche Flucht. Die Wahl fällt auf Sherko. Er hat einen langen und sehr gefährlichen Weg vor sich, der sehr viel Geld kostet. Der Vater verkauft das Familienhaus und finanziert damit die Flucht seines Zweitgeborenen.

Es dauert ganze zwei Jahre bis Sherko in Deutschland ankommt. Zuerst flieht er zu Fuß nach Kurdistan. Da bleibt er für einige Monate und findet in einem Flüchtlingslager Obdach. Aber Kurdistan ist gefährlich für ihn. Illegal reist er zu Fuß und mit dem Bus in die Türkei ein. Hier, in Edirne, bleibt er für zwei Monate. Ein Schleuser organisiert die bevorstehende Flucht nach Europa. Von Edirne geht es weiter nach Bulgarien.

Dort wird der damals 18-Jährige zusammen mit 30 anderen Flüchtlingen entführt. „Ich weiß nicht, wer die Entführung eingefädelt hat, aber ich denke, dass die Schleuser dahinter steckten, um mehr Geld mit uns Flüchtlingen zu verdienen“, sagt Sherko. Sein Geld und sein Handy werden geklaut. Dann rufen die Entführer Sherkos Vater an. Sie drohen, Sherko etwas anzutun, fragen nach mehr Geld für seinen Sohn, der im fernen Bulgarien sitzt.
Der Vater hat große Angst, dass seinem Sohn etwas passiert. So weit weg von ihm ist er hilflos gegen die Erpressung. Er bringt das Geld auf und überweist es den Entführern. Immer in der Hoffnung, dass die Entführer Wort halten und seinen Sohn verschonen. Dann endlich wird Sherko wieder frei gelassen.
Doch seine Flucht ist noch nicht vorbei. Noch ist er nicht in seinem Zielland. Also geht es weiter. Zu Fuß geht Sherko durch Serbien und Ungarn bis er in Österreich ankommt. Dort nimmt er den Zug und fährt bis nach Deutschland.

Mit zwei anderen Flüchtlingen wohnt Sherko jetzt in Reinbek. Obwohl Reinbek ihm gut gefällt, vermisst er die Heimat und die enge Beziehung, die er mit seinen Nachbarn und Freunden in Qamischli hatte.
Vier Tage in der Woche besucht er mittlerweile einen Deutschkurs. „Ich möchte gerne so schnell wie möglich die Sprache meines neuen Landes lernen. Neben der Schule gucke ich deshalb auch viel deutsches Fernsehen“, so Sherko. Jeden Sonntag trifft er sich zum Fußballspielen mit fünf anderen Freunden. Er sagt, dass er nette Leute in Reinbek kennengelernt hat. In Syrien hatte er jedoch viel mehr Freunde. „Ich hatte unglaublich viele Freunde in Qamischli“, sagt Sherko, „so viele, dass ich sie gar nicht mehr zählen konnte.“ Das Geheimnis hinter dieser großen Zahl an Freunden ist, laut Sherko, dass er sich gar nicht für Politik interessiert. Es ist ihm egal, was für politische oder religiöse Überzeugungen die anderen haben.

„Ein guter Mensch ist gut – egal, was für einen Glauben er oder sie hat.“ Das hat Sherko schon früh von seiner Mutter gelernt.

In Syrien konnte Sherko nur bis zur neunten Klasse zur Schule gehen. Gerne wäre er weiter zur Schule gegangen. Aber der Krieg ließ das nicht zu. Hier in Deutschland möchte er deswegen gerne eine Ausbildung machen, um noch möglichst viel zu lernen. Wenn man ihn fragt, was für eine Ausbildung er machen möchte, ist er prinzipiell offen für vieles. Nur an handwerklichen Sachen, sagt Sherko, habe er einfach nicht so viel Spaß. Besonders faszinierend findet er hingegen Züge. Sein Traum? Als Zugführer oder Fahrkartenkontrolleur zu arbeiten. Seine zweite Leidenschaft: Kochen. Oft kocht Sherko kurdische und arabische Gerichte und lädt seine Freunde zum Essen ein. Kochen hat er in der Schule in Syrien gelernt, viele Rezepte sind jedoch von seiner Mutter. Ein Stück Heimat, hier im unbekannten Deutschland.

Sherko erzählt, wie dankbar er den Menschen ist, die ihm hier helfen. Deshalb versucht er, so oft wie möglich etwas zu zurückzugeben. Er hilft Nachbarn bei der Gartenarbeit. Darüber hat er viel von seinem Vater gelernt. Er freut sich sehr, wenn die Leute seine Hilfe annehmen. „Ich finde es schade, dass viele Menschen viel zu wenig Zeit in ihren schönen Gärten verbringen. Wenn ich ein Haus mit einem kleinen Garten in Reinbek hätte, würde ich ganz viel Zeit draußen verbringen.“

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Text: Maya Jarrah
Fotos: Jan Brockmann

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