Abdullah, 24 Jahre

Name: Abdullah
Alter: 24 Jahre
Herkunft: Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Krankenpfleger
In Deutschland seit: September 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Englisch, Deutsch (A2)
Liebt: geht gern schwimmen, mag ältere Menschen und Kinder sehr
Beschreibt sich selbst als: hilfsbereit, kann gut zuhören
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Praktika im Krankenhaus und in einer Seniorenresidenz
Größter Wunsch: seinen Beruf als Krankenpfleger in Deutschland ausüben zu dürfen

Abdullah kommt aus der syrischen Provinz Idlib. In Aleppo macht er eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Er lernt den Beruf während des Krieges. Arbeitet im Krankenhaus und versorgt in der Notaufnahme die Opfer der zahlreichen Angriffe auf die Stadt. Als ihn das Militär einziehen will, beschließt Abdullah, das Land zu verlassen. Er schließt die Ausbildung zum Krankenpfleger mit einem Zertifikat ab und verlässt das Land. In Deutschland angekommen, versucht der junge Mann nun Fuß zu fassen. Er lernt fleißig deutsch, macht Praktika in Krankenhäusern und Seniorenheimen.

Abdullah ist 24 Jahre alt. Während des Syrien-Krieges macht er im Universitätsklinikum in Aleppo eine vierjährige Ausbildung zum Krankenpfleger. Er ist ein stolzer, junger Mann. Aber er ist auch bescheiden. Es ist ungewohnt für ihn, dass er durch dieses Interview und die Fotos so viel Aufmerksamkeit bekommt. Ich frage, wie es seiner Familie geht, ob sie noch in Syrien ist. Ja, seine Mutter sei noch in Syrien, sagt er. Und sein Vater? Da wird er still. Er sei tot. Gestorben… im Krieg. Über seine Geschwister möchte er nicht reden. Er schweigt. Ein Thema, das wir auslassen.

Der junge Mann ist ein leidenschaftlicher Schwimmer. In seiner Heimatstadt Idlib gibt es einen Fluss, in dem er jeden Morgen seine Bahnen schwamm. Besonders auf dem Flüchtlingsboot, mit dem Abdullah auf seiner Flucht von der Türkei nach Griechenland übersetzt, gibt ihm sein Hobby eine gewisse Sicherheit. Sicherheit vor dem Kentern und Ertrinken auf hoher See. Zum Glück kommt es nicht dazu. Alles geht gut. Auf der Route bis nach Deutschland schwimmt er dann aber doch noch einmal. Durch einen Grenzfluss auf der Balkanroute – die einzige Möglichkeit, ungesehen von der Polizei die Grenze zu überqueren, sagt er.

In Aleppo macht Abdullah eine Ausbildung zum Krankenpfleger. In Syrien ist dafür eine Art Studium notwendig. Anders als in Deutschland besuchen die angehenden Krankenpfleger die Universität. Vier Jahre dauert diese Ausbildung. „Morgens waren wir im Hörsaal und unser Lehrer hat uns die medizinische Theorie beigebracht. Am Nachmittag gingen wir fast immer ins Krankenhaus, um Praxiserfahrung zu sammeln“, sagt Abdullah. So geht es einige Jahre. Irgendwann ist der Krieg so schlimm, dass die Schüler nicht mehr nur Schüler bleiben können. Medizinisches Personal wird händeringend gesucht: durch die häufigen Luftangriffe gibt es immer mehr Schwerverletzte, aber zu wenig Personal. Als die Bomben immer häufiger über Aleppo abgeworfen werden, müssen auch Abdullah und seine Kommilitonen in der Notaufnahme helfen.

„Der Krieg hat in Aleppo alle Krankenhäuser zerstört, nur unser Krankenhaus stand noch. Kurz vor meiner Flucht war es wochenlang so schlimm, dass wir nicht mehr zusehen konnten. Wir wurden alle gebraucht, um die Verletzten in der Notaufnahme zu behandeln. Tag und Nacht haben wir gearbeitet. Es gab so viele Verletzte und viel zu viele Tote.“

Am 12. September 2015 entschließt sich Abdullah zur Flucht. Das syrische Militär will ihn einziehen. Sein Leben hat er nicht zuletzt durch seine Berufswahl der Heilung und Hilfe von Menschen verschrieben – undenkbar für ihn, nun mit einer Waffe auf Menschen zu zielen, geschweige denn sie zu verletzen oder sogar zu töten. Also verlässt Abdullah seine Heimat und seine Familie und flieht. Im Gepäck hat er sein erst kürzlich bestandenes Zertifikat zum staatlich anerkannten Krankenpfleger. Er hofft, dass er so eine bessere Chance auf einen Job in Deutschland hat. Von Syrien geht es über die Türkei nach Griechenland. Von dort begibt sich Abdullah auf die Balkanroute. „Ich habe dabei jedes Fortbewegungsmittel genutzt, bin sogar geschwommen. Nur geflogen bin ich nicht“, sagt der junge Mann und lacht. Abdullah ist ein lebensfroher Mensch. Er scherzt gern – so gut wie möglich auf Deutsch – und erklärt uns den größten Unterschied zwischen Arabern und Deutschen: „Bei einem Araber ist es nicht wichtig, ob jemand pünktlich kommt. Es wird sich verabredet, aber vielleicht kommt man doch nicht oder man kommt zwei Stunden später. Das alles ist kein Problem. Anders ist es mit den Deutschen“, sagt er und lacht. Da bedeutet halb zehn auch halb zehn – und zu spät kommen sei undenkbar. Das ist für Abdullah aber kein Problem. Zu allen unseren Terminen ist er immer als Erster da.

Zwei Praktika hat Abdullah in den letzten Monaten schon gemacht: Im Krankenhaus Bethesda in Hamburg-Bergedorf war er zwei Monate, in der Seniorenresidenz Villa Kursana Reinbek durfte er einen Monat lang ein Praktikum machen. Am liebsten würde Abdullah als Krankenpfleger in der Chirurgie eines Krankenhauses arbeiten. Aber auch der Umgang mit Senioren liegt ihm. „Ich bin ein guter Zuhörer. Und besonders ältere Menschen reden viel mit mir. Das mag ich, denn ich höre ihnen gerne zu – sie haben schon so viel erlebt“, sagt er.

Sein größter Wunsch ist es, eine Stelle als Krankenpfleger zu bekommen. Dafür lernt er fleißig die Sprache seiner neuen Heimat. Jeden Tag geht er in die Schule. Er weiß, dass die deutsche Sprache sehr wichtig ist, besonders im Umgang mit Patienten. Alle Zertifikate und Zeugnisse zu seiner Ausbildung in Syrien sind vorhanden und auf Deutsch übersetzt. Abdullah lässt im Gespräch keine Zweifel daran, dass er alles dafür tut wird, um irgendwann seinen Beruf wieder ausüben zu können. Denn Berufserfahrung, die hat der 24-Jährige durch seine Arbeit im Krankenhaus Aleppo schon.

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Text: Kristina Kaba
Fotos: Jan Brockmann

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