Ich habe eine Wut im Bauch…

… warum? Der Kolumnist Henryk M. Broder schrieb vor einigen Tagen in seiner Kolumne in der Zeitung DIE WELT: „Aleppo geschieht vor unseren Augen – schämt Euch.“ Und ich stimme ihm zu. Wie ist es möglich, dass der Massenmord in Aleppo – und übrigens auch in vielen anderen Städten und Provinzen Syriens – vor unseren Augen stattfindet, medial mal begleitet, mal ignoriert wird (je nachdem, ob Deutschland gerade eine Medaille in Rio gewinnt) und lediglich Apelle und politische Statements aus der Deutschen Regierung zu hören sind?

Vor einiger Zeit war ich für ein Interview für REFUBURG bei Mohammed und seiner Familie zu Besuch. Es war Ramadan – es ist also schon ein paar Wochen her. Nun wollte ich vor einer Woche nach mehrmaliger Verschiebung – seiner und meinerseits – endlich einen Fototermin mit der vierköpfigen Familie vereinbaren. Also fragte ich Mohammed, ob sie Samstag Zeit für ein kleines Fotoshooting hätten. Er schrieb zurück: „Wir können nicht, wir sind traurig…“ „Traurig?“, fragte ich zurück. „Weswegen seid ihr traurig, was ist passiert?“ Die Antwort waren 19 Fotos aus ihrer Heimat Qamischli in Syrien. Teils von Verwandten und Freunden mit dem Handy aufgenommen, teils von syrischen Nachrichtenagenturen. Sie zeigen die Folgen eines Bombenangriffes. Rauchschwaden, zerbombte Häuser, Männer, Frauen und besonders viele Kinder schwer verletzt oder getötet. Die Zahlen der Toten gehen auseinander – mindestens 35 Tote und hunderte Verletzte. Unter den Schwerverletzten sind auch Mohammeds Cousin, dessen Frau und ihr kleines Baby. Hunderte sind unter den Trümmern begraben und werden noch vermisst. Einige Verwandte von ihm sind gestorben. Aber darüber wird nicht berichtet.

Die Welt schaut in diesen Tagen, wenn sie überhaupt hinschaut, nach Aleppo. Dort bahnt sich laut unserem Außenminister und der UN eine humanitäre Katastrophe an. Sie bahnt sich an? Im Ernst? Wie viele Menschen müssen sterben, verhungern oder aus einem Land fliehen, damit wir in Europa von einer humanitären Katastrophe sprechen?

Ich habe nachgeschlagen: Laut Wikipedia wird der Begriff „Humanitäre Katastrophe“ in Deutschland gebraucht, „um Ereignisse zu bezeichnen, von der eine große Zahl von Menschen betroffen sind.“ Soweit klar. Nun schauen wir uns den Syrien-Krieg an. Die Vereinten Nationen schätzten im April 2016 die Todesopfer des Krieges auf mindestens 400.000, rund 4 Millionen Syrer flohen aus ihrem Land, weitere 7,6 Millionen Menschen seien innerhalb des Landes auf der Flucht. Ich frage mich also, wie viele Menschen noch sterben müssen, damit wir auch in Deutschland nicht nur von einer „Humanitären Katastrophe“ sprechen, sondern auch unser Handeln dieser Situation anpassen.

(kk)