Wassim, 36 Jahre

Name: Wassim
Alter: 36 Jahre
Herkunft: Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Sales-Manager von Elektronikprodukten und Verkäufer von Kleidung
In Deutschland seit: Juni 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Englisch (gut), Deutsch (B1)
Liebt: seine Frau Kamar (25) und die Kinder Hisham (6) und Laian (8 Monate), hilft gern anderen Menschen, spielt Schach und Basketball
Beschreibt sich selbst als: hilfsbereit, offen, positiv eingestellt
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Ehrenamtliche Mitarbeit in der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuz in Reinbek, Mitarbeit beim „Filmring Reinbek e.V.“, hilft bei Profilen von REFUBURG als Übersetzer
Größter Wunsch: die deutsche Sprache akzentfrei sprechen und eine Zukunft für seine Familie in Deutschland

+++ UPDATE +++

Mit Hilfe von REFUBURG bekam Wassim die Chance, sich beim Saturn-Markt in Bergedorf vorzustellen.

Seit August 2016 ist er dort als Auszubildender beschäftigt und schlägt sich großartig.

Wir freuen uns mit Wassim und seiner Familie und wünschen ihm alles Gute für die private und berufliche Zukunft.

Ich treffe Wassim und seine Frau Kamar mit ihren beiden Kindern Laian und Hisham an einem warmen Tag Anfang August. Sie haben unsere Fotografin Anne und mich zu sich nach Hause eingeladen. Die kleine Wohnung in Reinbek hat drei Zimmer. Liebevoll haben die beiden ihre erste Wohnung in Deutschland mit Hilfe von Spenden und Freunden eingerichtet. Wir sitzen im Wohnzimmer. Bevor wir anfangen, bekommen wir erst einmal die arabische Gastfreundschaft zu spüren: Erfrischende Getränke und ein selbstgebackener Obstkuchen werden uns von Kamar serviert. Es schmeckt alles wahnsinnig gut. Langsam kommen wir ins Gespräch. Für die Fotos, die Anne während unseres Interviews macht, setzt Kamar ihre Hidschab auf. Eine Art Kopftuch, womit sie ihr Haar in der Öffentlichkeit und auf unseren Fotos bedeckt.

Wassim erklärt uns, dass er bereits vor über einem Jahr – im Juni 2015 – nach Deutschland gekommen ist. Seine Frau und die Kinder hat er umständlich und nach langem Hin und Her mit den Botschaften über Tansania nach Reinbek holen dürfen. Als er damals aus Damaskus flieht, ist seine Frau Kamar gerade mit der kleinen Tochter Laian schwanger. Es ist die schwerste Entscheidung, die Wassim in seinem Leben treffen muss: Er lässt seine Familie in Damaskus zurück und begibt sich allein auf die gefährliche Route nach Europa. Der Grund dafür, so sagt er, war in erster Linie, dass er vom Militär eingezogen werden und an der Front kämpfen sollte: „Ich habe mich damals schweren Herzens für die Flucht entschieden. Es war unvorstellbar für mich, eine Waffe gegen andere Menschen zu gebrauchen. Deshalb setzte ich alles auf eine Karte. Ich tat das, um meiner Familie eine Zukunft zu ermöglichen.“

Aber nicht nur der Einzug zum Militär bewegt ihn zu diesem Entschluss. Es sind die Angriffe und Bomben, die häufiger werden und die besonders den sechsjährigen Hisham stark belasten:

„Regelmäßig versteckte sich Hisham unter dem Bett, er hatte große Angst – wir alle hatten große Angst!“

Also macht Wassim sich auf den Weg. Über Beirut flieht der junge Mann in die Türkei, setzt bei schwerem Sturm nach Griechenland über und fährt von da aus per LKW bis nach Deutschland. Über die kriminellen Methoden und mafiösen Strukturen, denen er während seiner Flucht immer wieder begegnet, möchte er heute nicht mehr sprechen. Er sagt, dass selbst das Ausharren seiner Familie im Zentrum vom krisengebeutelten Damaskus sicherer war, als mit ihm auf diese gefährliche Reise zu gehen. Vor acht Monaten kommt dann Töchterchen Laian gesund in Syrien zur Welt. Sie ist ein Kind des Krieges, kennt das friedliche Syrien nicht und wird es möglicherweise auch nie kennenlernen.

Drei Monate später schafft Wassim es, endlich einen Termin für die Familie bei der deutschen Botschaft in Tansania zu bekommen. Alle anderen Botschaften hatten entweder längere Wartezeiten oder die Familie hätte nur mit Visum einreisen dürfen. Hier aber klappt es. Kamar fliegt gemeinsam mit ihrem Stiefvater und den zwei Kindern über Doha in Katar nach Tansania. Dort werden alle Vorkehrungen für die Einreise nach Deutschland getroffen und die junge Frau sitzt kurz darauf mit ihren beiden Kindern wieder im Flieger – dieses Mal aber nach Frankfurt. Dort wird sie von Wassim schon sehnsüchtig erwartet. Zum ersten Mal sieht der junge Vater seine Tochter. Er ist überglücklich und strahlt immer noch über das ganze Gesicht, wenn er vom Wiedersehen am Frankfurter Flughafen erzählt: „Ein schöneres Gefühl gibt es nicht. Endlich meine Familie in die Arme schließen zu dürfen und dabei zu wissen, dass sie in Sicherheit sind – ich bin immer noch dankbar für diesen Moment.“

Das Risiko hat sich für Wassim gelohnt: Seine Familie ist in Deutschland und kann in Frieden leben. Sein Sohn wird im September eingeschult. Er spricht jetzt schon akzentfreies Deutsch und gibt uns beim gemeinsamen Spaziergang und Fußballspielen Anweisungen in der neuen Sprache. Wassim und Kamar sind sichtlich stolz auf ihre Kinder. Die kleine Laian, mit ihren schönen, dunklen Mandelaugen, ist der Mittelpunkt der kleinen Familie.

Hisham läuft bei unserem Spaziergang immer wieder mit dem Fußball voran. Er wurde von seinem Vater im Sportverein „TSV Reinbek“ angemeldet und spielt dort Fußball.

„Es macht mich glücklich, meinen Sohn so unbeschwert zu sehen“, sagt Wassim, während wir Hisham hinterher gehen. „In Syrien konnte er das alles nicht. Fußball auf der Straße spielen...? Niemals! Das wäre viel zu gefährlich gewesen. Hier hat er eine sichere Zukunft.“

Unser Gespräch führen wir ausschließlich auf Deutsch. Wassim spricht die neue Sprache schon sehr gut. Er hat das Sprachlevel B1 in Deutsch bereits nach sieben Monaten erfolgreich bestanden. Sein größter Wunsch ist es nun, für seine Familie sorgen zu können und sich eine Zukunft aufzubauen. Dafür würde er gern wieder als Verkäufer arbeiten. In Syrien hat er lange Zeit in einem Markt als Verkäufer für Elektronikartikel gearbeitet. Wie es der Zufall will, ergibt sich zwischen unseren Interviewterminen eine überraschende Gelegenheit für Wassim: Bei „Saturn“ in Hamburg-Bergedorf bekommt der junge Mann durch REFUBURG die Chance, sich in einem Vorstellungsgespräch zu beweisen. Diese Möglichkeit nutzt der 36-Jährige und überzeugt alle von sich. Seit dem 1.8.2016 ist er nun Auszubildender bei „Saturn“.

Warum er eine Ausbildung machen will, will ich noch wissen. „In Syrien gibt es so etwas oft nicht. Dort wird einfach jemand eingestellt und angelernt. Ich möchte aber einen Abschluss haben, der in Deutschland anerkannt ist. Mit der Ausbildung lerne ich jeden Tag dazu und kann am Ende meiner Familie eine sichere Zukunft bieten“, sagt er. „Ein gutes Argument“, sage ich und muss über so viel Weitsicht anerkennend schmunzeln.


Text: Kristina Kaba
Fotos: Anne Neumann

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