Mohammed, 40 Jahre

Name: Mohammed
Alter: 40 Jahre
Herkunft: Qamischli, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: führte sein eigenes Verkaufs- und Reparaturgeschäft für elektronische Medien (Software und Hardware), vorher Buchhalter an der Tankstelle seines Vaters
In Deutschland seit: 15. November 2014
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Kurdisch (zweite Muttersprache), Englisch, Türkisch (Grundkenntnisse), Deutsch (derzeit A2)
Zusatzqualifikationen: syrischer PKW- und LKW-Führerschein
Liebt: Dinge stets zu verbessern, elektronische Medien und IT, Architektur
Beschreibt sich selbst als: sehr präzise, Perfektionist, verantwortungsbewusst, sehr gewissenhaft bei der Arbeit und aufgeschlossen für Neues
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: ehrenamtliche Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“ und in der DRK-Kleiderkammer in Reinbek, Praktikum bei der Druckerei „Hansen Werbung“ in Reinbek (1 Monat)
Größter Wunsch: sein IT-Studium abschließen und wieder in einer Firma arbeiten; auf lange Sicht würde er gerne selbstständig arbeiten – so wie in Syrien

Seit November 2014 lebt Mohammed in Deutschland. Die Grausamkeit des Krieges zwingt ihn, seine Frau und die zwei gemeinsamen Söhne ihre Heimat Qamischli im Nordosten Syriens zu verlassen. Mohammed will ein sicheres Leben für seine Familie in Deutschland. Ein Jahr nach der Flucht des Vaters ist die Familie wieder vereint – statt in Syrien jetzt in Reinbek bei Hamburg. Mit viel Optimismus tut er sein Bestes, um seiner Familie ein neues Leben aufzubauen.

Mohammed begrüßt uns herzlich in seiner gut gepflegten Wohnung in Reinbek, wo er zurzeit mit seiner Frau Avin und den zwei gemeinsamen Söhnen Rodi (9) und Roni (11) wohnt. „Avin ist ein kurdischer Name und bedeutet ‚Liebe’“, erklärt er den Namen seiner Frau, „die Namen unserer Söhne Roni und Rodi sind unterschiedliche Wörter im Kurdischen für ‚Licht’“.

Während er erzählt, wechselt er zwischen Arabisch und Deutsch. Nach einiger Zeit, setzen sich sein jüngster Sohn Rodi und Mohammeds Frau Avin dazu. Obwohl unser Interview während des Ramadans, dem Fastenmonat der Muslime, stattfindet, wird für uns der Tisch mit vielen Früchten, Nüssen, Säften, Keksen und Wasser gedeckt.

Für Mohammed war es zuletzt schwierig, in Syrien zu leben. „Wir hatten schlechte Lebensbedingungen“, erzählt er. „Es gab weder Strom noch Wasser. Lebensmittel wurden sehr teuer.“ Er und seine Frau hatten täglich Sorge um ihre Kinder, die nicht mehr in die Schule gehen konnten. Es war für sie auch zu gefährlich auf den Straßen. Täglich hatten die Eltern Angst, die Kinder könnten auf offener Straße entführt werden.

Auch die Geschäfte liefen schlecht: Mohammed hatte in seinem Reparaturgeschäft für Computer fast nichts mehr zu tun. Der Umsatz blieb aus, aber die Lebenshaltungskosten stiegen aufgrund des Krieges drastisch an. Als der Krieg voranschreitet, beschließt Mohammed das Land zu verlassen. In Qamischli verkaufen er und seine Frau deshalb all ihr Hab und Gut, auch das Geschäft. Von dem Geld muss die Flucht bezahlt werden. Alleine fährt er im Juli 2014 in die Türkei. Nach vier Monaten in Istanbul, setzt er seinen Weg nach Deutschland fort. In einem LKW und mit 60 anderen Männern und Frauen fährt Mohammed nach Bayern. Es dauert fünf Tage. Vom Weg nach Deutschland bekommt er nichts mit, denn der LKW ist blickdicht verschlossen. In Bayern angekommen, macht er sich auf den Weg nach Hannover. Dort wohnt ein Onkel seiner Frau, er bleibt hier ein paar Tage. Von Hannover aus fährt er weiter nach Neumünster. Am 9. Dezember 2014 kommt er in Reinbek an und wird von der Stadt im Ortsteil Krabbenkamp untergebracht. Sein Zimmer teilt er sich mit vier anderen Geflüchteten. Als nach fast einem Jahr seine Frau und seine zwei Kinder nachkommen, zieht er mit ihnen in eine Dreizimmer-Wohnung.

Mohammed ist dankbar für die Unterkunft, die schön und hell ist. Doch er erinnert sich gern an seine Wohnung in Qamischli zurück. „Für mich war die natürlich viel schöner. Sie war komplett möbliert und gut ausgestattet. Es war nun mal unser zu Hause. Wir haben dort zusammen mit unserer großen Familie gewohnt.“ Gerade versucht er, die Wohnung in Reinbek zu möblieren und wohnlicher zu gestalten. Heute lebt die Familie auf 80 Quadratmetern, in Syrien, so erzählt er, waren es 200 Quadratmeter. Eine Veränderung, die er gerne für ein Leben in Frieden in Kauf nimmt.

„Wir gehörten in Qamischli zu den wohlhabenden Familien. Deshalb haben wir immer den weniger begünstigten Menschen geholfen. Ich finde es sehr schade, dass wir das hier nun nicht mehr machen können.“ Mohammed ist es nicht gewohnt, auf Hilfe angewiesen zu sein. Er hofft, dass er eines Tages wieder in der Lage sein wird, andere zu unterstützen zu helfen.

Fünf mal in der Woche besucht Mohammed nun einen A2-Deutschkurs. Viel mehr gibt es für ihn momentan nicht zu tun. Dabei ist er viel Arbeit gewöhnt. Nach dem Abschluss seines Militärdienstes, arbeitet er sieben Jahre als Buchhalter bei der Tankstelle seines Vaters in Qamischli und führt gleichzeitig sein eigenes Geschäft. 2007 beginnt er ein 5-jähriges IT-Fernstudium. Nach dem Beginn des Krieges ist es aber unmöglich, das Studium fortzusetzen. Denn Mohammed hat meistens weder Strom noch Internet zu Hause. Er hofft, dass er die Chance bekommt, weiter zu studieren und noch mehr über den IT-Bereich zu lernen. Es ist ihm wichtig, immer in Bewegung zu sein: Er ist fleißig auf der Suche nach einem Praktikum, sucht immer nach neuen Ideen und ist offen für Neues. Eine Eigenschaft, die auch in seinem Druckerei-Praktikum vom Arbeitgeber sehr gelobt wird. Denn dieser ist begeistert, wie präzise er in einem Bereich arbeitet, der für ihn neu ist. In Deutschland würde Mohammed gern endlich wieder arbeiten. Am liebsten irgendwo, wo er Computer reparieren kann, denn das ist seine Stärke.

Mohammeds Frau Avin wartet noch auf einem Platz für einen Deutschkurs. Sie findet das Lernen der Sprache schwer. Aber sie hofft, dass sie bald Deutsch sprechen kann, damit sie mit den anderen kommunizieren kann. Im ersten Monat in Reinbek hat sie großes Heimweh und weint viel. Der größte Unterschied zu Syrien, sagt sie, sei, dass die Menschen hier eher distanzierter sind. Auch ihre Nachbarn kennt sie noch nicht so gut, das war in Syrien anders. Aber es gibt auch eine Ähnlichkeit zwischen Reinbek und den kleinen Dörfern in Syrien: Die Leute sind hilfsbereit.


Text: Maya Jarrah, Kristina Kaba
Fotos: Anne Neumann

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