Ahmed, 20 Jahre

Name: Ahmed
Alter: 20 Jahre
Herkunft: Kobanê, Syrien
In Deutschland seit: Frühjahr 2015
Sprachkenntnisse: Kurdisch (Muttersprache), Arabisch (Grundkenntnisse), Deutsch (besser werdende Grundkenntnisse – besucht seit einiger Zeit einen Deutschkurs)
Liebt: die Ruhe in Reinbek und dass er dort Zeit mit seinen Mitbewohnern verbringen kann. Außerdem genießt er es, seinem Nachbarn im Garten zu helfen und sich körperlich zu betätigen.
Beschreibt sich selbst als: fleißig
Bisherige Tätigkeit in Deutschland: Ehrenamtliche Gestaltung des Kirchengartens
Tätigkeit im Heimatland: Nach einer kurzen Schulphase hat Ahmed schon früh angefangen auf Baustellen als Dachdecker zu arbeiten. Dabei wurde er vor allem auf großen Baustellen überall in Syrien eingesetzt. Zudem hat er während seiner Arbeitszeit auf Baustellen auch die grundlegenden Fähigkeiten eines Schweißers gelernt.
Größter Wunsch: Ruhe und Frieden finden. Eine „ordentliche“ deutsche Dachdecker-Ausbildung machen. Eine Wohnung und eine Arbeit. Ein normales Leben.

+++ UPDATE +++

Ahmed hat es geschafft, er hat einen Ausbildungsplatz gefunden und wird nun in seinem Beruf „Dachdecker“ in Deutschland ausgebildet. Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute!

Ahmed ist keine 20 Jahre alt, als er in Deutschland ankommt. Er ist ein junger Mann aus Kobanê, einer Stadt an Syriens nördlicher Grenze zur Türkei. Sein Weg hierher war beschwerlich, aber das, was er in seiner Heimat erlebt hat, wiegt wesentlich schwerer. Ahmed ist syrischer Kurde, dadurch war sein Leben in Syrien schon vor dem Krieg von Ungerechtigkeiten geprägt. Früh musste Ahmed anfangen zu arbeiten – auf Baustellen als Dachdecker und später auch als Schweißer. „Geld verdienen für die Familie und für ein besseres Leben“, wie er sagt. Die Repressionen für Kurden in Syrien hindern ihn jedoch nicht daran, seine Heimat zu lieben. „Heimat ist da, wo dein Herz und deine Familie sind.“ Als der Krieg ausbricht wird all dies jedoch zerstört. Er kämpft, um sein Zuhause, seine Freunde, sein Leben. Die Umstände sind kompliziert. Und als die Situation irgendwann ausweglos ist, verlässt er Syrien. „Mein Herz ist kaputt, genau wie meine Heimat“, sagt er. Für sein neues Leben in Deutschland wünscht er sich Frieden und eine Perspektive.

Ahmed sitzt auf dem steinigen Boden vor seiner Unterkunft in Reinbek. Er hat ein paar Werkzeuge vor sich ausgebreitet. Sein modernes Mountainbike steht vor ihm, halb auseinander gebaut. Konzentriert widmet er sich jedem Teil des Fahrrads. Begutachtet es, säubert es, ölt es und baut es wieder ein. „Man muss die Dinge, die man hat, pflegen. Das Fahrrad ist der wichtigste Gegenstand, den ich hier habe. Damit komme ich in die Stadt und zur Schule. Aber vor allem kann ich einfach losfahren, egal wohin. Einfach strampeln und all die Gedanken abschütteln…“ Er grinst und putzt weiter die Teile des Fahrrads. Sorgsam verstaut er seine Werkzeuge und stellt sein repariertes Fahrrad in den Flur vom Container. Routiniert startet er den Wasserkocher, öffnet eine Dose mit Keksen und setzt sich draußen an einen Gartentisch in die Sonne. Es scheint so, als würde er beim Erzählen ständig lachen oder schmunzeln. Ahmed wirkt auf den ersten Blick wie jeder 20-Jährige, der neugierig ist, herauszufinden, wo sein Platz in der Welt ist. Doch manchmal fällt es ihm schwer, nachts zu schlafen. Zu bedrückend sind die Erinnerungen an Krieg und Verlust.

„Ich habe früher in Syrien mal Taek-Won-Do gemacht, das würde ich hier auch gerne wieder machen. Bewegung und Sport helfen einfach… Das ist Ablenkung.“ Unruhig rutscht er auf der Bank hin und her. „Ich brauche eine Beschäftigung, sonst kommt man auf falsche Gedanken.“ „Falsche Gedanken…“ damit meint Ahmed in erster Linie tiefe Trauer, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit – wie die meisten seiner Landsleute hat auch er enge Freunde und Verwandte im Krieg verloren und ist nun in Deutschland auf der Suche nach einem Neuanfang.

Ahmed hat gerne gearbeitet und er tut es immer noch. In Syrien hat er sehr früh angefangen, auf Baustellen zu arbeiten. „Ich habe Dachdecker gelernt und auch Schweißer. Aber nicht so wie hier in Deutschland mit Zeugnissen und Abschlüssen. Denn Ausbildungen durfte man mit kurdischen Wurzeln nicht machen. Aber ich habe vom ersten Tag an gelernt, wie man den Job macht.“ Als Kurde im Assad-Regime gab es nicht viele Optionen. Die meisten Frauen und Männer dieser ethnischen Minderheit wurden als einfache Arbeiter eingestellt und wesentlich schlechter bezahlt, bei gleicher oder höherer Arbeitsleistung als Arbeiter mit rein syrischen Wurzeln.

Diese Klassengesellschaft war für Ahmed fast ein normaler Zustand. „Man wurde halt schon immer wie ein räudiger Hund behandelt, wenn man kurdischer Abstammung war. In der Schule wurden wir von unseren syrischen Lehrern geschlagen. Und haben unsere Eltern versucht, etwas dagegen zu sagen, hat es nichts bewirkt.“ Er macht eine Pause und dreht sich eine Zigarette. „Eigentlich wollte ich ja aufhören mit dem Rauchen. In meiner Heimat ist es auch verboten, Kurdisch zu sprechen. Aber Arabisch hat man uns auch nicht wirklich beibringen wollen. Es schien fast so, als würde man uns absichtlich dumm halten wollen.“ Gegenüber den kurdischen Minderheiten herrschte eine große Willkür, erzählt er weiter, sie wurden oftmals nicht als offizielle Bürger Syriens registriert und lebten dementsprechend oft ohne wirkliche Rechte.

„Naja, irgendwann sagen sie dir dann, du kannst die Schule nicht weiter besuchen. Dann gehst du eben arbeiten. Außerdem komme ich aus einer Familie mit vielen Geschwistern, da ist es normal, dass jeder irgendwann seinen Beitrag leistet.“ Und genau das tut Ahmed: Mit 10 Jahren kommt er zur Arbeit auf die Baustelle. Die Arbeit ist hart, sehr hart. „Mir hat die Arbeit als Dachdecker aber immer sehr viel Spaß gemacht. Man ist viel draußen und kann die Dinge für sich abarbeiten, auch wenn es körperlich sehr anstrengend ist. Damit ich mehr Geld verdienen konnte, habe ich auch eine kurze Zeit im Libanon gearbeitet. Da hat man als Arbeiter mehr verdient als in Syrien. Mich hat es aber immer wieder zurück nach Hause gezogen.“

Die Tattoos auf seinen Armen drücken aus, was ihm ständig im Kopf umherspukt. Die Liebe zu seiner Heimat Kobanê und die Liebe zu einem anderen Menschen, der durch einfache Symbole für immer in sein Fleisch und Blut übergegangen ist. Als der Bürgerkrieg Zuhause ausbricht ist Ahmed verliebt. Er hat eine Freundin, die genau wie er kurdischer Abstammung ist. Beide entschließen sich zu kämpfen, für ihre Heimat einzustehen.

„Du musst verstehen: Es war keine leichte Entscheidung, aber wenn jemand kommt und dein Zuhause und deine Freunde bedroht, dann stehst du nicht tatenlos daneben.“ Ahmed fällt es sichtlich schwer, über diese Zeit zusprechen. Er und seine Freundin schließen sich gemeinsam der YPG/YPJ, der kurdischen Volksverteidigungseinheiten an. Sie kämpfen gemeinsam, in der Hoffnung irgendetwas zu bewegen. „Militär und Krieg sind schreckliche Dinge. Sie nehmen dir alles.“ Verloren schaut Ahmed auf seinen Arm, zeigt auf den Buchstaben, der für seine Freundin steht. „Sie ist im Krieg geblieben.“

Ahmed entschließt sich, das Militär zu verlassen. Er weiß nicht mehr wohin. Er beschließt, dem Rat seiner Eltern zu folgen und Syrien zu verlassen, um all das hinter sich zu lassen und nach Deutschland zu gehen. Es dauert eine Weile, bis er dort ankommt. Doch er schafft es und wird in Reinbek aufgenommen. Die erste Zeit fällt ihm extrem schwer, aber Ahmed besucht fleißig den Deutschunterricht. Er möchte so schnell wie möglich alle Zertifikate machen und am liebsten eine Ausbildung zum Dachdecker machen. „Ich bin kein Mensch für die Großstadt mit vielen Leuten. Das kann ich nicht. Ich möchte am liebsten hier eine Perspektive für mich aufbauen, obwohl es sehr schwer zu sein scheint.“ Ein paar Fußgänger laufen auf dem schmalen Waldweg, der an seiner Behausung vorbeiführt. Freudig winkt er und ruft „Moin“, die Fußgänger winken zurück und erwidern den Gruß. „Viele der Menschen hier in der Nachbarschaft sind echt nett!“ Er hat in der Wohnsiedlung kleine Freundschaften mit den Anwohnern geschlossen. Und seine Mitbewohner in seiner Unterkunft sind eine Ersatzfamilie für ihn geworden.

Auch wenn Ahmed seine neues „Zuhause“ gefällt, ist er zwiegespalten. Zögerlich schaut er von seiner Tasse Tee auf. „Ich bin froh, dem Krieg entkommen zu sein und hier in der Natur etwas Ruhe gefunden zu haben. Ich habe auch einige sehr nette Menschen kennen gelernt, die mir helfen und sich regelmäßig mit mir treffen. Meine Nachbarn oder die Menschen in der Schule. Aber ich würde gerne mehr soziale Kontakte haben, mehr Deutsch mit Deutschen sprechen.“ Die Frustration, dass die sozialen Kontakte beschränkt sind, steht ihm ins Gesicht geschrieben. Aus seiner Sicht verhalten sich viele Menschen sehr reserviert den Flüchtlingen gegenüber.

Natürlich, so sagt er, kann er verstehen, dass die Leute Ängste vor Menschen aus Syrien oder Muslimen entwickeln. Das, was man im Fernsehen gezeigt bekommt, lasse kein differenziertes Bild zu. Aber, sagt Ahmed, keiner von ihnen ist freiwillig geflohen. „Wir kommen hier her, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Oft haben wir sowieso schon alles verloren.“ Und nicht selten hat er das Gefühl, dass die Leute vorschnell urteilen und ihn abstempeln, weil er aus Syrien kommt: „Die Menschen denken, glaube ich, oft, dass wir unzivilisierter sind als sie und dass wir nicht wissen, wie man mit Messer und Gabel isst oder ordentlich am Tisch sitzt.“ Er lacht. „Okay, manchmal essen wir mit den Händen, aber in Syrien habe ich genauso in einem Haus gelebt wie die Menschen hier.“

Er schweigt für einen Moment und holt noch einmal Luft. „So froh ich bin, dass ich hier sein kann, wo kein Krieg ist, so schwer ist es, damit umzugehen, so etwas wie ein ungewollter Gast zu sein.“
Ahmed nimmt den letzten Schluck aus seiner Teetasse und formuliert einen Wunsch für sich. „Mein Wunsch für mich wäre einfach Ruhe und Frieden. Und eine Arbeit und ein Zuhause.“

Text & Fotos: Jan Brockmann

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