Mojtaba, 17 Jahre

Name: Mojtaba
Alter: 17
Herkunft: geboren in Afghanistan, aufgewachsen im Iran
In Deutschland seit: 27. August 2015
Sprachkenntnisse: Persisch, Englisch (Grundkenntnisse), Deutsch
Liebt: seine Familie, Sport, Spaziergänge
Beschreibt sich selbst als: fleißig und ehrgeizig
Zusatzqualifikationen: seit seiner Kindheit arbeitet er als Schneider
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Besuch einer Berufsfachschule, Praktikum bei einem Schneider
Größter Wunsch: irgendwann eine große Familie gründen

Fast anderthalb Jahre ist Mojtaba nun schon in Deutschland. Auch seine Eltern und seine Geschwister sind in Hamburg. Eigentlich ist der junge Afghane schon sein ganzes Leben lang ein Flüchtling. Als er sechs Jahre alt ist, flieht seine Familie vor der Taliban in den Iran. Dort baut sie sich ein neues Leben auf, das sie im Sommer 2015 wieder aufgeben muss. Die Flucht bringt sie nach Deutschland. Hier geht Mojtaba nun zur Schule. Doch seine Zukunft ist immer noch ungewiss: Die Familie soll abgeschoben werden.

Mojtaba, 17, hat alle um sich herum versammelt, als er seine Geschichte erzählt. Seine Mama Atieh, 55, seinen Vater Ahmad, 61, und seinen Bruder Amerhossaen, 13. Nur seine Schwester Elham, 19, ist nicht da. „Sie wohnt in einem anderen Haus in Altona“, so Mojtaba. Seit August 2015 ist er mit seiner Familie nun schon in Deutschland. Doch seine Heimat ist ein anderes Land. Eigentlich sind es zwei. „Ich bin in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen“, erzählt er. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr lebt er in Afghanistan. „Mein Papa war eigentlich Lehrer. Aber als die Taliban kam, da hat er den Job gewechselt und wurde Schneider. Doch dann wollte die Taliban, dass mein Papa für sie arbeitet. Deshalb haben wir dann Afghanistan verlassen und sind in den Iran – und waren dort auch schon Flüchtlinge.“ Einfach war es nicht. „Wir haben da keine neuen Pässe bekommen. Es war immer etwas schwierig für uns. Deshalb habe ich meinen Vater auch in seiner Schneiderei unterstützt. Morgens bin ich zur Schule gegangen und nachmittags habe ich ihm geholfen. Er hat mir das Handwerk beigebracht.“ Obwohl er schon als kleiner Junge arbeiten musste, hatte Mojtaba im Iran ein recht gutes Leben. Irgendwann geht sein Papa wieder zurück nach Afghanistan, um dort zu arbeiten. Doch als für die Familie im Iran die Lage kompliziert wird, entschließt sich die Familie, nach Europa zu fliehen.

„Ich habe immer noch Angst.“ Vergessen wird Mojtaba den anstrengenden Weg nach Deutschland niemals mehr. Anderthalb Monate hat seine Familie gebraucht, um vom Iran nach Deutschland zu kommen. Und es war eine beschwerliche Reise. „Wir mussten auch Berge überqueren“, erinnert er sich. Zu viel für seine Mama. „Ich habe sie über Stunden getragen, damit sie den Weg hoch auf den Berg schafft“, sagt er und schaut zu ihr hinüber. „Sie ist schließlich die wichtigste Person in meinem Leben.“

Vom Iran geht es in die Türkei – zu Fuß, im Auto. Und dann rüber nach Griechenland – mit dem Boot. „Ich hatte große Angst. Aber mein Bruder noch mehr. Es war sehr gefährlich. Wir waren 40 Leute in einem kleinen Boot und eigentlich ziemlich verloren. Ich hoffe, dass niemand das machen muss. Und das ich es auch nie mehr machen muss.“ Irgendwann gelangt Mojtaba über Ungarn nach Österreich, dann über Passau und München nach Hamburg. Denn dort wohnt schon seit rund zwanzig Jahren ein Onkel von ihm. „Er hat uns geholfen.“

Hier in Hamburg besucht Mojtaba nun eine Berufsfachschule, lernt Deutsch, Englisch, Mathe. „Ich gehe gerne in die Schule und lerne“, erzählt er. „Und mittwochs und donnerstags mache ich ein Praktikum bei einem Schneider.“ Hosen kürzen, Anzüge ändern – für ihn ein Leichtes, schließlich macht er das schon, seitdem er 8 Jahre alt ist. „Mein Chef sagt, ich bin oft sogar besser als er“, lacht Mojtaba. Doch wenn es nach ihm geht, dann soll Schneider nicht sein Hauptberuf sein. „Ich möchte gerne an die Universität gehen und etwas studieren. Oder eine Ausbildung machen.“ In welche Richtung das gehen soll, das weiß er noch nicht. „Aber auf jeden Fall möchte ich mit Menschen arbeiten. Ein klassischer Bürojob wäre vermutlich nichts für mich. Und ich mag schwierige Arbeit.“ Doch bis er sich entscheiden muss, verfolgt er ein ehrgeiziges Ziel in der Schule. „Ich will in jedem Fach eine Eins haben.“ Auch sein kleiner Bruder besucht in Hamburg eine Schule. „Ich habe da schon viele Freunde gefunden. Aber lernen macht mir nicht so viel Spaß. Ich spiele lieber Fußball“, erzählt Amerhossaen. „Ich werde ihm helfen, ein guter Mann zu werden“, erwidert Mojtaba direkt. Die zwei teilen sich ein kleines Zimmer. „Das klappt ganz gut“, finden beide. In dem anderen Zimmer der Wohnung leben die Eltern. Und jetzt in den Wintermonaten ist auch Schwester Elham oft zu Besuch. „Eigentlich wohnt sie mit ihrem Mann in Altona. Aber da gibt es oft kein warmes Wasser und es ist sehr kalt“, erzählt Mojtaba.

In Hamburg hat er schon ein paar Freunde gefunden. Ein kleiner Ersatz für all diejenigen, die er im Iran zurücklassen musste. Kontakt mit seinen alten Freunden hat er nur selten. „Hier im Haus gibt es kein Internet. Deshalb können wir nur telefonieren.“ Aber ab und an schickt er seinen Freunden auch mal Bilder aus Deutschland. „Die erkennen mich aber jetzt gar nicht mehr“, erzählt Mojtaba. „Ich habe nämlich zehn Kilo abgenommen durch den ganzen, auch emotionalen, Stress. Aber ich will bald wieder Fitness machen.“ Das ist nämlich ein Hobby von ihm, genau wie spazieren gehen. „Das liebe ich. Im Iran habe ich das auch mit meinen Freunden gemacht.“ In Hamburg ist er gerne an den Landungsbrücken unterwegs, oder an der Alster. „Aber ich bin auch gerne auf dem Dom.“

Wenn es um seine Zukunft geht, dann wird Mojtaba etwas stiller. „Davor habe ich Angst.“ Denn er und seine Familie sollen abgeschoben werden. „Wir haben Einspruch eingelegt. Jetzt müssen wir abwarten. Ich habe Angst. Aber meine Eltern haben noch mehr Angst.“ Denn wie es dann weitergeht, das weiß keiner von ihnen. „In Afghanistan bin ich ein Ausländer. Dabei ist das meine Heimat. Ich bin da zwar geboren, aber nicht aufgewachsen. Und im Iran bin ich Ausländer, weil ich nicht da geboren wurde. Und in Deutschland bin ich auch ein Ausländer.“ Doch eines weiß er ganz genau: „Ohne meine Familie bleibe ich nicht hier.“ Dabei gefällt ihm Deutschland recht gut. „Ihr hier geht sehr gut mit den unterschiedlichen Religionen um. Das mag ich.“ Allerdings hat er auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. „Ich habe letztens Leute gefragt, wo die nächste Bushaltestelle ist. Die Leute waren sehr unfreundlich. Ich weiß nicht, wieso. Jetzt frage ich niemanden mehr.“ Die Situation hat ihn eingeschüchtert. Dabei hat er eine klare Botschaft: „Keiner der Flüchtlinge will auf Deutschlands Kosten leben. Wir wollen alle etwas lernen und arbeiten.“

Trotz all der Unsicherheit, einen Wunsch an seine Zukunft hat Mojtaba: „Irgendwann möchte ich eine große Familie gründen. Und ich möchte gute Arbeit und ein gutes Leben haben.“ Und es gibt etwas, auf das er nie verzichten möchte. „Freude! Freude ist mir sehr wichtig.“

 

Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Anne Neumann

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