Yunes, 20 Jahre

Name: Yunes
Alter: 20
Herkunft: Jemen
In Deutschland seit: 20. August 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch, Deutsch
Liebt: kochen, Kung Fu
Beschreibt sich selbst als: sehr kommunikativ, hilfsbereit
Zusatzqualifikationen: Ausbildung in Libyen als Automechaniker
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: besucht einen Deutsch-Kurs, Mitarbeit in der Fahrradwerkstatt in Reinbek, Mitarbeit beim Verein „Filmring Reinbek e.V.“
Größter Wunsch: als Automechaniker arbeiten

+++ UPDATE +++

Wir gratulieren Yunes zum Ausbildungsplatz als Karosseriemechaniker und wünschen ihm für seine Zukunft alles Gute und viel Erfolg im Job.

Fast anderthalb Jahre ist Yunes nun schon in Deutschland. Er hat seine Familie in Libyen zurückgelassen, nur sein Bruder und sein Cousin sind mit ihm geflohen. „Ich dachte, wir müssen sterben“, erzählt er über die schrecklichen Stunden auf dem Mittelmeer, zusammen mit 350 Menschen in einem kleinen Boot. Eine Flucht, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat. Nun, in Reinbek, träumt er von einer Zukunft als Automechaniker.

Es war nicht das erste Mal, dass Yunes alles hinter sich lassen musste. „Bis ich zehn Jahre alt war, haben wir im Jemen gewohnt“, erzählt er. „Aber dann hat mein Vater Probleme dort bekommen. Worum es genau ging, das weiß ich bis heute nicht.“ Also verlässt Yunes mit Vater Mahmood, 65, seine Heimatstadt Sanaa. Die beiden gehen nach Libyen, lassen sich in der Hauptstadt Tripolis nieder. Drei Jahre wohnen die beiden dort alleine. Yunes geht zur Schule, sein Vater verkauft Tiernahrung und arbeitet als Wachmann für Häuser. Dann kommt der Rest der Familie nach. „Die erste Frau meines Vaters lebt nicht mehr. Aber die beiden haben vier Mädchen und einen Jungen. Und mit meiner Mama Wahba, 43, hat mein Vater insgesamt sechs Kinder, ein Mädchen und fünf Jungs.“ Die große Familie hat ein gutes Leben. Yunes hilft seinem Vater bei der Arbeit. „Bis mittags bin ich zur Schule gegangen, und dann habe ich bis abends um acht Uhr mit meinem Vater zusammen gearbeitet.“ Irgendwann erlernt Yunes den Beruf des Automechanikers. „Ein Jahr lang, dann habe ich noch anderthalb Jahre als Mechaniker gearbeitet. Aber 2011 wurde alles schlecht“, erinnert sich Yunes. Der Bürgerkrieg beginnt. „Mir wurde auf der Straße Geld geklaut und mein Auto wurde beschlagnahmt. 1000 Dollar sollte ich dafür bezahlen.“ Doch es kommt noch schlimmer: „Mein Vater wurde geschlagen.“ Die Situation verschlechtert sich „Natürlich waren nicht alle Menschen schlecht. Aber ich wollte überleben.“ Deshalb beschließt Yunes, zusammen mit seinem Bruder Abduljabbar, 35, und seinem Cousin Eshak, 23, Libyen zu verlassen.

Für die Flucht zahlen sie viel Geld. „2000 Euro pro Person, um von Libyen bis nach Italien zu kommen.“ Dann geht es los. „Zuerst sind wir mit dem Auto nach Suara gefahren. Das ist eine Stadt westlich von Tripolis. Dort sind wir drei Tage geblieben. Wir hatten nachts keine Decken, es war kalt und es gab viele Mücken dort. Und das Essen war sehr schlecht.“ Danach ging es übers Mittelmeer nach Italien – in einer kleinen Barke aus Holz. „350 Leute waren in dem Boot, auch viele Kinder. Ich dachte, wir müssen alle sterben. Es war so dunkel. Mein ganzes Gepäck und mein Geld, das habe ich alles im Meer verloren.“ Doch als die Situation schier ausweglos schien, wird die Gruppe gerettet. „Ein großes Schiff kam, und hat uns gerettet. Zweieinhalb Tage waren wir auf dem Schiff. Einmal gab es etwas zu essen, sonst nur Wasser.“ Die Flucht übers Mittelmeer hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. „Ich habe danach noch monatelang geträumt, dass ich tot bin. Aber die Träume sind zum Glück nun vorbei.“

In Italien angekommen geht es mit dem Bus weiter, drei Tage lang. „Wir mussten auf einem Basketballfeld schlafen, ohne ein Bett.“ Um sein Zugticket nach Deutschland zu bezahlen, versetzt er Schmuck und Uhr, das Einzige, was ihm nach der Flucht übers Meer noch geblieben ist. So erreicht er über Passau München, bleibt dort fünf Tage lang. Dann geht es, wieder mit dem Zug, nach Neumünster ins Erstaufnahmelager. „Da waren sehr viele Leute, und das Essen war sehr schlecht.“ Anderthalb Monate bleiben die drei Jungs dort, dann kommen sie nach Reinbek. „Zum Glück“, sagt Yunes. „Hier gefällt es mir. Die Menschen sind sehr nett.“ Doch auch hier wurde es noch einmal brenzlig, die Abschiebung nach Italien drohte. „Wir haben dann anderthalb Monate in einer Kirche in Reinbek Schutz gefunden“, ist er dankbar.

Jetzt macht er sich Gedanken über seine Zukunft. „Ich möchte gerne in Deutschland eine Ausbildung zum Automechaniker machen und dann arbeiten. Ich mag so gerne schrauben.“ Und obwohl er genaue Vorstellungen von seinem Leben in Deutschland hat, seine Heimat hat er nicht vergessen. „Ich vermisse meine Familie. Wir telefonieren manchmal“, sagt er. „Blumen brauchen Wasser, und ich brauche meine Familie. An meine Heimat zu denken, das macht mich traurig. Aber wenn ich arbeite oder in der Schule bin, dann bin ich abgelenkt.“ Ablenkung findet er auch beim Kochen, denn gutes Essen liegt ihm am Herzen. „Ich koche sehr gerne, auch für meine Freunde. Alle lieben mein Essen. Ich mache oft arabische Gerichte, auch viel mit Kartoffel und Hähnchen.“

Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Anne Neumann

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