Eshak, 24 Jahre

Name: Eshak
Alter: 24
Herkunft: Jemen
In Deutschland seit: 20. August 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch, Deutsch (lernt derzeit A1)
Liebt: Fitness, Fußball, romantische Musik und Kino
Beschreibt sich selbst als: freundlich, hilfsbereit, bescheiden, offen gegenüber allen Kulturen und Religionen
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: sechswöchiges Praktikum im Sozialkaufhaus Reinbek
Größter Wunsch: Frieden im Jemen, in Sicherheit leben, würde gerne seinen Führerschein machen und eine Familie gründen

Eshak muss den Jemen wegen einer Familienfehde verlassen. Er flieht nach Libyen. Doch auch dort herrscht Krieg, das Leben ist hart und gefährlich. Also entschließt er sich, gemeinsam mit seinen Cousins Yunes und Abduljabbar die Flucht nach Europa zu wagen. Ein gefährliches Unterfangen, besonders in einem völlig überfüllten Schlauchboot mitten auf dem Meer. Doch alles geht gut. In Deutschland angekommen arbeitet er hart daran, die neue Sprache zu lernen. Er würde gerne arbeiten.

Es ist Dezember. Ich treffe mich für dieses Interview mit Eshak in einem Café. Bei der Terminabstimmung per What’s App stelle ich schon vorher fest, dass die Kommunikation auf Deutsch schwierig werden könnte. Also frage ich, ob er seinen Cousin Yunes (bereits hier auf REFUBURG portraitiert) mitbringen kann, damit dieser übersetzen kann. Die beiden Jungs kommen mit ihren Fahrrädern auf mich zu. Wir gehen ins Café. Beide sind sehr zuvorkommend. Als ich Kaffee für uns drei holen möchte, bedeutet mir Eshak, ich solle sitzen bleiben, er könne das doch machen. Eine nette Geste.

Eshak sagt, um seine Geschichte verstehen zu können, müsse er ganz vorne anfangen. Ich habe nichts dagegen und höre zu. Es stört Eshak merklich, dass er noch nicht alles auf Deutsch sagen kann. Yunes muss manchmal mit der Übersetzung helfen. Noch ist die fremde Sprache für ihn eine große Hürde: „Ich würde gerne einfach nur arbeiten. Aber ich spreche noch nicht genug Deutsch. Deshalb muss ich zuallererst Eure Sprache lernen“, sagt Eshak.

Die Fluchtgeschichte des 24-Jährigen beginnt bereits vor rund fünf Jahren. Der im Jemen geborene junge Mann lebt und arbeitet damals bei seiner Familie in der Hauptstadt Sanaa. Er arbeitet seit er 11 Jahre alt ist, um seine Mutter – eine von vier Frauen seines Vaters – finanziell zu unterstützen. Hauptsächlich verdient er als Verkäufer von Kleidung, Schuhen und Schmuck seinen Lebensunterhalt. Ab und an putzt er zusätzlich in einem Hotel. Das Leben im Jemen ist hart. Seit mehr als 20 Jahren schwelt ein Konflikt zwischen sunnitischen Fundamentalisten und schiitischen Zaiditen. Mittlerweile ist daraus ein Krieg geworden, an dem sich neben den USA besonders die Nachbarländer Saudi-Arabien und der Iran beteiligen. Eine schwierige Situation für Eshak. Denn er lebt ein Leben ohne große Perspektive.

Doch nicht der Krieg ist Auslöser für seine Flucht: „Seit mehreren Generationen hat meine Familie einen Streit mit einem anderen großen Familienclan. Ich war noch nicht mal auf der Welt, da waren sie schon im Streit“, erzählt er. Worum genau es bei diesem Streit geht, erfahre ich nicht. Nur so viel: Es gab einen Toten gab und die andere Familie sinnt nun auf Rache. Irgendwann eskaliert die Situation. Eshak erfährt von den Racheplänen der anderen Familie. Er soll entführt und getötet werden. An dem Tag beschließt er, das Land zu verlassen. Denn er will leben. Er flieht aus dem Jemen nach Libyen, hofft dort in Sicherheit zu sein und eine Weile arbeiten zu können. Doch in Libyen herrscht ebenfalls Krieg.

Der IS verbreitet große Angst. Das Arbeiten und Leben ist für Eshak nicht nur schwer, sondern lebensbedrohlich. „Ich habe zwei Jahre lang in Libyen gearbeitet: Ich hatte einen kleinen Laden, habe Möbel repariert und Tierfutter verkauft. Doch nachts, wenn ich in meinem Laden geschlafen habe, kamen Fremde und drangen bei mir ein. Oft waren sie betrunken oder standen unter Drogen. Sie haben mich dann verprügelt und mich beklaut“, erzählt er von der gefährlichen Zeit. „Es gab dort keine Polizei, kein Gesetz. Es herrschte Krieg“, sagt er und fügt leise hinzu: „Gott sei Dank bin ich nicht tot.“

Irgendwann beschließen Eshak und seine Cousins Yunes und Abduljabbar, das Land zu verlassen. Es ist einfach zu gefährlich dort. Von Libyen begeben sie sich in einem kleinen überfüllten Boot auf die gefährliche Reise. Kleine Kinder und Frauen sind auch mit in diesem Boot, erzählt mir Eshak. Das Risiko zu kentern ist groß, denn sie sind einfach zu viele. Zweieinhalb Tage irrt das Boot ohne Navigation auf dem Mittelmeer herum, Land ist nicht in Sicht. Die Situation spitzt sich zu. Sie haben kaum genügend Wasser und Essen an Bord, um noch länger auszuhalten. Doch das Glück ist auf ihrer Seite: Ein Schiff findet sie. Die einzige Rettung für die Flüchtlinge. Sie werden an Bord mit dem Notdürftigsten versorgt und nach Italien gebracht – auf die Insel Lampedusa. Von dort aus werden sie aufs italienische Festland gebracht und in einen Bus gesetzt. Drei Tage sind sie nun unterwegs. Im Norden von Italien gibt es Probleme mit der Polizei. An der Grenze sollen sie registriert werden. Trotzdem lässt man sie später ziehen. Von Norditalien gelangen sie nach einigen Wochen nach Deutschland. Hier angekommen werden sie aus dem Flüchtlingscamp Neumünster nach Reinbek gebracht. Ein schöner Ort, wie alle drei finden. Doch nach einiger Zeit gibt es einen erneuten Schrecken für die jungen Männer: Sie sollen nach Italien abgeschoben werden. Mit Hilfe der Kirche und einem sechswöchigen Kirchenasyl lässt sich die Situation glücklicherweise regeln.

Bei unserem Fototermin steht Eshak vor der Kirche, die viele Wochen sein Zuhause war. Er kommt gerne hierher, erzählt er uns. „Sie haben mir sehr geholfen. Besonders die tollen Menschen, die uns ehrenamtlich betreuen. Es ist, als hätte ich Mütter und Väter dazugewonnen. Ich habe Ihnen vieles zu verdanken.“

Ein Praktikum hat Eshak in Deutschland schon gemacht. Er war sechs Wochen als Praktikant im Sozialkaufhaus in Reinbek, hat sogar ein gutes Zeugnis bekommen, erzählt er stolz. Doch dort hat er auch schnell gemerkt, dass die Sprache der Schlüssel für vieles ist – auch für einen Job. Jetzt konzentriert sich der junge Mann erst mal auf seinen Deutschkurs. Gewissenhaft lernt er jeden Tag neue Vokabeln. Auf die Frage, was er gern arbeiten würde, antwortet er: „Ich habe keine großen Ansprüche. Arbeit ist Arbeit und das ist gut, solange ich davon leben kann.“

Text: Kristina Kaba
Fotos: Jan Brockmann

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