Zubeir, 44 Jahre

Name: Zubeir
Alter: 44
Herkunft: Qamishli, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Ausbildung und Studium zum Tischler und Stuckateur
In Deutschland seit: 05.09.2015
Sprachkenntnisse: Kurdisch (Muttersprache), Arabisch (fließend), Deutsch (B1), Englisch (Grundkenntnisse)
Liebt: Fußball spielen, Kochen, Freunde treffen, Hamburg entdecken, Musik machen, Zeichnen
Größter Wunsch: Sein größter Wunsch ist es, wieder als Stuckateur zu arbeiten

„Wo sind wir jetzt?“, fragt Zubeir lachend, als er von jeder Etappe seiner Flucht aus Syrien nach Hamburg erzählt und nach der letzten Zwischenfrage kurz den Faden seiner eigenen Geschichte verliert. Es scheint ihm nichts auszumachen, alle Details zu erzählen. Er hat viele Daten und Zahlen zu jeder Etappe im Kopf: Wann genau er wo ankam, wie viel der Schlepper gekostet hat, wie viele Menschen mit ihm zusammen unterwegs waren.

Zubeir ist kein minderjähriger Flüchtling, sondern Anfang 40. Deutsch zu lernen fällt ihm etwas schwerer als seinen jüngeren Freunden, die ihm im Gespräch beim Übersetzen und Dolmetschen helfen. In Syrien musste er ein Leben mit festem Job und sozialem Gefüge aufgeben. Er ist unverheiratet, ließ aber Freunde und Geschwister zurück. Doch das Talent und die Leidenschaft für seinen Beruf hat er mitgebracht: Zubeir ist gelernter Tischler und Stuckateur. In Syrien und im Libanon und hat er jahrelang in beiden Berufen gearbeitet. Und Zubeir hat Lust, Deutsch zu lernen. Bisher hat er das Sprachlevel B1 absolviert, er wartet jetzt auf die Genehmigung, mit dem nächsten Sprachkurs weitermachen zu dürfen. Am liebsten würde er aber nicht in einem Klassenraum lernen, sondern von neuen Kollegen bei einem Praktikum oder einer Ausbildung. Er liebt seinen Beruf als Tischler und Stuckateur und ist neugierig, wie hier in Deutschland gearbeitet wird.

Zur Flucht entschließt sich Zubeir im Sommer 2015, als es in Syrien für Kurden wie ihn zu gefährlich wird. Er macht sich zusammen mit seinem Cousin und seiner Nichte auf den Weg nach Deutschland. Mal klappt die Reise reibungslos, mal übernachten sie mit Schleppern und ihrer Gruppe tagelang in Waldgebieten an den Ländergrenzen. Knapp vier Wochen brauchen sie bis nach Deutschland. Vielleicht ist das schnell, für die Verhältnisse auf den Routen der Flüchtlinge zu dieser Zeit, mit Sicherheit sind es trotzdem körperlich und psychisch fast unaushaltbar anstrengende Wochen. Die drei reisen los aus Qamishli in Syrien, von dort nach Alderbasiya und weiter nach Istanbul. Mit einem Schiff versuchen sie am 20.08.2015 die erste Überfahrt nach Mytilinin, Griechenland, aber das Boot kentert noch im Hafen. Der zweite Versuch knapp eine Woche später gelingt, und von Griechenland geht die Reise weiter nach Mazedonien, nach Belgrad und dann ins ungarische Budapest. Anfang September 2015 spitzt sich die Situation am Budapester Bahnhof zu. Tausende Flüchtlinge warten wie Zubeir auf die Möglichkeit, weiter zu reisen. Diese Notlage lässt Angela Merkel und die österreichische Regierung eine Ausnahmeregelung vereinbaren: Ohne Kontrollen werden die Flüchtlinge in Zügen und Bussen aus Ungarn nach Österreich und Deutschland gebracht. Am 05.09. erreicht Zubeir mit vielen anderen München. Er muss einen Gesundheitstest machen und seine Daten von den Behörden registrieren lassen. Die nächsten Wochen ist er Teil der Flüchtlings-Umverteilung: Von München geht es in ein Flüchtlingsheim in Neumünster, nach Borstest, nach Bad Oldesloe und schließlich am 30.09.2015 nach Reinbek. Erst lebt er in einer Notunterkunft, aber seit Januar diesen Jahres hat er seine eigene Wohnung. Der Beginn in ein neues Leben.

Zubeir ist gerne unter Menschen: Er spielt Fußball mit Flüchtlingen und Hamburgern in Reinbek. Und er arbeitet ehrenamtlich in der Kleiderkammer. Er geht gerne in Hamburgs Museen, vor allem in das Miniaturwunderland. Ihm gefällt die Liebe zum Detail und er kann sich vorstellen, welche Mühe hinter jeder Landschaft dort steckt – bei seiner Arbeit als Stuckateur kommt es schließlich auch auf die ganz kleinen Details an.

Trotzdem vermisst er seine Familie und er macht sich Sorgen, denn wie gefährlich es für Kurden in Syrien ist, wurde Anfang Oktober letzten Jahres wieder deutlich.

Ein als Obdachloser verkleideter Attentäter mischt sich unter die Gäste der Hochzeit von Zubeirs Cousin – und sprengt sich in die Luft, als sich das Brautpaar das Ja-Wort gibt. Der Anschlag ist in allen deutschen Medien, es sterben 36 Personen. Auch der Mann von Zubeirs Schwester wird tödlich verletzt, der Körper des kleinen Sohns perforiert von umherfliegenden Bombenstücken.

Doch seine Schwester und ihr Sohn überleben. Sie wollen nach Frankreich fliehen, sobald sich der Kleine von seinen Verletzungen erholt hat. Zubeir hofft, die beiden mit seinen Erfahrungen und vielleicht auch finanziell unterstützen zu können – sobald er hier in Deutschland endlich wieder in seinem Beruf arbeiten darf.


Text: Anissa Brinkhoff
Fotos: Anne Neumann, Zubeir

Sie wollen helfen?