Rashed, 28 Jahre

Name: Rashed Payam
Alter: 28
Herkunft: Kabul in Afghanistan
Tätigkeit im Heimatland: Kunststudent / Nebenjob als Redakteur bei einem TV-Sender in Kabul
In Deutschland seit: Frühjahr 2016
Sprachkenntnisse: Arabisch, Deutsch, Englisch (Grundkenntnisse)
Liebt: Fotografie, Tischtennis und Kontakt mit Menschen
Größter Wunsch: eine Ausbildung im Bereich Medien zu machen; später mal sein Kunst-Studium zu beenden und einen journalistischen Job auszuüben

Rashed ist Kunststudent aus Kabul. Er ist seit 15 Monaten in Deutschland und versucht energisch, seinen Weg hier zu finden. Rashed möchte seine Zukunft selbst in die Hand nehmen, engagiert sich bei Integrationsprojekten der Caritas, der Initiative gegen die Abschiebung nach Afghanistan und macht ein Praktikum beim Stern. Er fotografiert leidenschaftlich gerne und organisiert in Eimsbüttel eine Fotoausstellung für andere Flüchtlinge. Dann kommt der Schock: Sein Asylantrag wird abgelehnt. Mit der sich nähernden Abschiebung in ein immer noch von Gewalt geschütteltes Afghanistan werden die Aussichten trübe. Es bleibt ihm nur die Hoffnung eine Ausbildung zu finden, denn dann kann er erst einmal in Hamburg bleiben und arbeiten.

Rashed bringt mich durch die Besucherschleuse in der Zentralen Erstaufnahme (ZEA) in der Nähe des Tierparks Hagenbeck. Er zeigt seinen Ausweis vor, wechselt ein paar Worte mit dem Wachmann, dann lässt der uns durchs Tor. „Ja…ist viel los hier“, erwidert Rashed, macht ein Pause und schaut zu mir rüber, während er mich zur Küche auf dem Gelände führt. Umgeben von einem hohen Zaun ist das Gelände gefüllt mit Kindern zwischen drei und 16 Jahren, die aus den verwinkelten Gassen zwischen den Containern eine Art Spielplatz für sich gemacht haben.

In der Großraumküche setzen wir uns, schenken uns Tee ein und beobachten die spielenden Kinder für einen Moment. „Wie hältst du das aus mit so vielen Menschen auf die Dauer?“, frage ich ihn. „Ach naja“, quittiert er die Frage mit einem Schulterzucken. „Ich versuche, so lange es geht draußen zu bleiben und nur zum Schlafen zu kommen. Das ist halt so. Mein Asylantrag wurde abgelehnt, weil ich aus Afghanistan komme und das ist ja ein sicheres Drittland für die Deutschen. Das heißt, ich kann mir keine andere Unterkunft suchen, weil ich wohl bald zurück geschickt werde, also bleibt nur dieser Platz hier.“

Rasheds Leben in Kabul war nicht weniger kompliziert. Er hat vier Geschwister, ist das zweite Kind seiner Eltern und der älteste Sohn. Sein Vater, ein Zeitungsbote, stirbt vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall. Rashed ist gerade mit seinem Abitur beschäftigt. Auf einmal trägt der junge Mann die Verantwortung für seine Familie. Um seine Mutter und Geschwister zu unterstützen, muss Rashed, während er für seinen Schulabschluss lernt, Geld verdienen. Gemeinsam versucht die Familie den harten Alltag in Kabul zu meistern. Rashed schafft seinen Abschluss an der Schule. Er möchte studieren, kein unbedingt leichtes Unterfangen. Er schafft es jedoch, an der Universität von Kabul angenommen zu werden. Kunst und Literatur sind seine Fächer, er möchte später journalistisch arbeiten und über die Zustände in seinem Land berichten.

„Weißt du“, sagt Rashed, „in Kabul leben alle ständig in Angst. Angst vor Bomben, Angst vor Schießereien, Angst vor Angriffen von den Taliban. Fast täglich sterben Leute auf der Straße. Eigentlich würde man solch einen Ort doch sofort verlassen. Aber was wäre die Alternative? Wenn du aufs Land ziehst, dann stehst du vor einer ganz anderen Perspektivlosigkeit, denn dort gibt es meist weder fließend Wasser noch Strom und vor allem keine Arbeit.“

Er fängt einen Nebenjob als Redakteur bei einem lokalen Nachrichtensender an. Seine Arbeit macht ihm Spaß. Er dreht und schneidet Beiträge zum aktuellen Geschehen in Kabul und lernt Schritt für Schritt den Fernsehjournalismus kennen. An keinem besonderen Tag landet der Auftrag, einen Beitrag über die lokale Polizei zu machen, bei ihm auf dem Tisch. Rashed nimmt sich der Aufgabe an. „Ich habe in dem Beitrag nur gesagt und gezeigt, was der Realität in Kabul entspricht. Das ist vielleicht nicht unbedingt die Realität, in der sich die Polizei gerne selber sieht.“ Rashed stellt den Beitrag fertig – ohne Gedanken darüber, dass ihm dieses Thema Probleme bereiten kann. So wird der Beitrag gesendet.

Über einen Arbeitskollegen hört Rashed, dass die Polizei ihn sucht. Er hat Angst vor der Willkür der Polizei und Gefängnis und bleibt der Arbeit fern. Unsicher über seine nächsten Schritte sucht er Hilfe bei weiteren Arbeitskollegen, doch keiner will ihm beistehen. Für ein paar Tage hält sich Rashed bei Freunden auf. Dann entschließt er sich, das Land zu verlassen. Der Entschluss wiegt schwer, denn er muss seine Familie zurück lassen, sein Studium nach zwei Jahren aufgeben und ins Ungewisse aufbrechen. Doch weil er nicht weiß, was mit ihm in Afghanistan passieren wird, scheint es der einzige Ausweg für ihn.

Anfang 2016 begibt er sich auf die lange und gefährliche Reise. Über die Türkei, Griechenland und die Balkanstaaten kommt er schließlich in Hamburg an und landet in der ZEA am Tierpark.

Hier angekommen war ihm direkt klar, dass er versuchen muss, sein neues Leben selbst in die Hand zu nehmen.

„Mir war schnell bewusst, dass ich die Sprache gut lernen und Menschen kennenlernen muss, damit ich hier die Chance habe, mir ein neues Leben aufzubauen.“

Rashed betrachtet meine Kamera. „Ich habe auch schon immer gerne fotografiert. Ich wollte das auch als einen meiner Schwerpunkte im Kunststudium machen. Durch Zufall hat mir einer der vielen netten Nachbarn hier in Eimsbüttel eine Kamera geliehen.“ Direkt fängt er an, Fotos seines neuen Zuhauses zu machen. Er wandert durch Hamburg und fotografiert alles, aber vor allem seine Umgebung und Landschaften. Kurzer Hand hat er mit seinen Nachbarn auch eine kleine Fotoausstellung für Flüchtlinge im Nachbarschaftstreff in Eimsbüttel organisiert. „Das war toll, dass die Leute Interesse hatten, sich die Fotos anzuschauen und vor allem mit uns ins Gespräch zu kommen.“

Rasheds Engagement, sich selbst zu integrieren und anderen dabei zu helfen, wächst mit jedem Tag. Er wird Teil eines integrativen Tandem Projekts bei der Caritas. Er bekommt eine junge Patin zur Seite gestellt – Paola. Die Caritas produziert einen kurzen Film über ihr Projekt, in dem auch Paola und Rashed vorkommen. Daraus ergibt sich ein Angebot vom Stern Magazin für ein Praktikum. Ohne lange zu zögern sagt Rashed zu. Es macht ihm viel Freude. Gemeinsam mit deutschen Redakteuren darf er bald auch eigene kleine Beiträge für die Homepage des Magazins erstellen.

Trotz all seines Engagements und Willens, sich zu integrieren, wird Rasheds Antrag auf Asyl abgelehnt. Sein Praktikum beim Stern ist seit Mai vorbei. Viele Möglichkeiten bleiben ihm nicht. Pragmatisch und mit dem stetigen Willen in Deutschland bleiben zu dürfen, schreibt Rashed Bewerbungen. Er möchte weiter journalistisch oder im Bereich der Medien arbeiten. Hier sieht er seine Stärken und glaubt, etwas bewegen zu können. Doch bis jetzt bleiben positive Nachrichten aus.

Rashed und ich gucken auf die Uhr, es sind drei Stunden vergangen. „Ich muss gleich zum Unterricht nach Altona“, sagt er. Wir gehen zum Ausgang und machen noch einen kleinen Spaziergang zum Bus. Obwohl die Situation mehr als betrüblich für ihn ist, strahlt er etwas Positives aus. Eine Zuversicht, dass sich etwas ergeben wird, auch wenn er nicht sicher sein kann. Wir verabschieden uns am Bus voneinander. Rashed grinst und winkt mir zu.


Text & Foto: Jan Brockmann

Sie wollen helfen?