Sezar, 28 Jahre

Name: Sezar
Alter: 28
Herkunft: Dohuk, Irak
In Deutschland seit: Anfang 2016
Sprachkenntnisse: Arabisch und Kurdisch (Muttersprache), jetzt lernt er Deutsch
Zusatzqualifikationen: Besuch des technologischen Instituts im Irak, Schwerpunkt Technologie/Verwaltung (Abschluss inkl. Zertifikat)
Liebt: schwimmen, Fußball, kochen
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Mitarbeit in der Kleiderkammer in Reinbek
Größter Wunsch: eine Arbeit als Verkäufer finden, am liebsten in Hamburg, und eine Familie gründen

„Die Menschen hier sind so nett und freundlich, das kenne ich aus meiner Heimat gar nicht mehr.“ Sezar ist froh, ein neues Leben in Deutschland angefangen zu haben. Doch der Weg hierher war nicht einfach für den Iraker. „Zwischendurch hatte ich große Angst“ – nämlich, als er mit 40 anderen auf einem 9-Meter-Boot zusammengepfercht das Mittelmeer überquerte. Heute wohnt Sezar in Reinbek und hat einen großen Wunsch: „Ich möchte eine Arbeitsstelle als Verkäufer finden, am liebsten in einem Klamotten-Geschäft.“

Bis vor ein paar Minuten noch war es ein schöner Abend. Wir treffen Sezar in Reinbek und spazieren mit ihm durch den Schlosspark. Plötzlich zieht sich der Himmel zu, es wird erst grau, dann richtig dunkel. Wir schaffen es grade noch uns unterzustellen, dann fängt es an zu gießen und wird schlagartig kühler. Nicht untypisch für einen norddeutschen Sommerabend, und irgendwie passt es auch zu Sezars Geschichte. Denn er wollte grade anfangen, uns von seiner Flucht aus dem Irak zu berichten.

Seit fast anderthalb Jahren ist Sezar jetzt schon in Deutschland. Aber: „Ich bin in Dohuk in Kurdistan geboren, aber in Mossul aufgewachsen. Irgendwann begann dort der Krieg, Isis belagerte die Stadt und es gab keine Arbeit mehr.“ Außerdem musste Sezar zum Militär. „Sechs Monate lang. Das war schlimm.“ Er hat Bomben gesehen, erlebte, wie Autos in die Luft flogen. „Katastrophen“, sagt er – und beschließt, sein Land zu verlassen. Zu Fuß und mit dem Auto macht er sich auf den Weg in die Türkei, und setzt dann mit dem Boot nach Griechenland über. Von dort aus geht es mit dem Zug nach Serbien, dann mit dem Bus nach Slowenien und von dort nach Deutschland in das Erstaufnahmelager in Neumünster, bevor er nach Reinbek kommt.
Sezar versucht nicht oft an seine Flucht zu denken. Vor allem nicht an die Überfahrt mit dem Boot. „Da hatte ich sehr viel Angst.“ In dem 9-Meter-Boot sitzen rund 40 Personen, zusammengepfercht auf engstem Raum. „Ich hatte zum Glück eine Schwimmweste“, erinnert er sich. Es sind schlimme Dinge unterwegs passiert, über die er nicht reden möchte. Mitnehmen konnte er übrigens nichts. „Ich hatte nur die Kleidung dabei, die ich anhatte.“

In Deutschland möchte sich Sezar jetzt eine Zukunft aufbauen. „Mir wurde gesagt, ich soll eine Ausbildung machen. Aber ich brauche dringend eine Arbeit, damit ich auch meinem Bruder Geld geben kann. Ich möchte Kleidung für Männer und Frauen verkaufen. Ich war erst elf Jahre in der Schule, dann habe ich zwei Jahre Technologie studiert und auch schon fast fünf Jahre als Verkäufer für Parfümwaren und Kleidung gearbeitet. Reicht das nicht? Jetzt möchte ich endlich eine Arbeit finden und meine Familie unterstützen.“ Denn seine Eltern, Mutter Hamdya (40) und Vater Ady (55), und seine Geschwister, die Schwestern Marea (12) und Ganat (7) und die Brüder Amar (27) und Nimar (24), sind noch in Dohuk – und Amar ist sehr krank. „Er leidet an Depressionen und es gibt kaum Medikamente für ihn. Ich möchte ihn finanziell unterstützen, damit es ihm besser geht“, sagt Sezar. Doch ohne Arbeit ist das für ihn unmöglich.

Mittlerweile wohnt Sezar in einem großen Haus. Er nennt das Haus zwar Villa, doch so schön, wie das klingt, ist es oft nicht. „Hier leben elf Männer“, erzählt er. Er selbst teilt sich ein Zimmer mit Awat (25), der vor einem Jahr aus dem Iran nach Deutschland kam. „Wir sind Freunde geworden“, sagen die beiden. Momentan haben die zwei jungen Männer Platz in ihrem Zimmer, können sogar einen Kühlschrank und einen Esstisch hinein stellen. „Aber eigentlich ist dieser Raum für vier Personen gedacht“, erklären sie. Kaum vorstellbar, wie sich vier Personen dieses Zimmer teilen sollen. Hinzu kommt, dass es oft kalt ist, das Haus vor allem in den kalten Monaten nicht richtig warm wird. „Und es gibt leider kein Internet“, sagt Sezar. Dabei wäre WLAN so wichtig für alle Bewohner, um den Kontakt zur Familie aufrecht zu erhalten. „Oder um übers Internet auch Deutsch zu lernen.“

Trotzdem hat Sezar in Reinbek ein neues Zuhause gefunden. „Ich bin Frau Merkel sehr dankbar“, ist ihm wichtig, zu betonen. „In Deutschland sind die Menschen so nett, sagen oft Danke. Im Irak war das nicht mehr so, die Menschen haben ihr Lachen verloren. Hier sehe ich endlich wieder Menschen lachen.“ Deshalb genießt es Sezar auch, seine Freizeit mit anderen Menschen zu verbringen. „Ich treffe mich oft mit anderen Ausländern zum Fußball spielen oder gehe schwimmen. Und ich kann mittlerweile sehr gut kochen. Zuhause haben meine Mutter oder meine Schwester gekocht. Jetzt muss ich das ja selbst machen.“ Auf seinem Speiseplan steht vor allem Biryani, ein herzhaftes Reisgericht.

Für seine Zukunft hat er – neben einer Anstellung als Verkäufer – noch einen Wunsch: „Wenn ich noch in Kurdistan leben würde, dann wäre ich nun schon längst verheiratet und hätte bestimmt auch schon Kinder. Ich bin aber ja erst 28. Aber in ein paar Jahren möchte ich auch Kinder haben und eine Familie gründen. Das ist ein großer Traum von mir.“

Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Anne Neumann

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