Nihad, 37 Jahre

Name: Nihad
Alter: 37
Herkunft: Aleppo, Syrien
In Deutschland seit: August 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch (Muttersprache), Englisch (gut), Deutsch (B1)
Tätigkeit im Heimatland: Technischer Zeichner für CNC-Fräsen und Grafiker (u.a. Visitenkarten, Flyer)
Programme: corelDRAW, smartcom (entspricht AutoCAD)
Hobbys: schwimmen, Musik hören, spazieren gehen, kochen, Computer und Playstation spielen
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: ehrenamtliche Mitarbeit in der Kleiderkammer des DRK in Reinbek, ehrenamtliche Tätigkeit beim „Filmring Reinbek e.V.“ und ehrenamtliche Besuche im Altenheim Villa Kursana
Größter Wunsch: eine Ausbildung oder eine gute Arbeit in seinem alten Tätigkeitsgebiet finden; finanzielle Sicherheit für seine Familie; ein Ende des Krieges in Syrien, so dass die Menschen in Syrien unabhängig von Herkunft, Politik und Religion wieder in Frieden wie Brüder und Schwestern zusammen leben können

Als das Militär Nihad im Sommer 2015 einziehen will, hat er die Wahl: bleiben und kämpfen oder flüchten und sich eine Zukunft in einem fremden Land aufbauen. Er entscheidet sich für die Flucht. In Deutschland angekommen beginnt für ihn eine ganz neue Erfahrung: „Ich musste bei null anfangen, wie ein Baby musste ich die Sprache und Kultur meiner neuen Heimat lernen. Das war eine schwere Zeit“, erzählt Nihad. Heute lebt er mit Frau Dima, Tochter Lara und Baby Julian in Reinbek bei Hamburg und scheint endlich angekommen zu sein.

Nihad (37) lebt mit seiner Frau Dima (29) und Tochter Lara (5) im syrischen Aleppo als der Krieg ausbricht. Mit seinem Vater betreibt er ein Geschäft. Er ist technischer Zeichner und Grafiker. Im Auftrag von Kunden fertigt er im Geschäft technische Zeichnungen an, die dann von der CNC-Fräse umgesetzt werden. Auf Wunsch entwirft er auch Visitenkarten oder Flyer für seine Kunden. Als er mir seine Geschichte erzählt, sitzen wir gemeinsam mit seiner kleinen Familie auf seinem Sofa. Seine Frau Dima ist hochschwanger und erwartet ihr zweites Kind – Julian soll der Kleine heißen, erzählt uns Nihad. Die Wohnung der Familie ist hell und freundlich eingerichtet, wir bekommen Tee und Kekse von Dima serviert.

Nihad und Dima sprechen beide gut Englisch. Mit Nihad spreche ich aber während des Interviews Deutsch – das klappt sehr gut. Dima versteht uns, kann aber noch nicht so gut Deutsch sprechen.

Die kleine Lara hüpft während unseres Gesprächs immer wieder vergnügt durch den Raum. „Sie ist nur in unserer Wohnung so fröhlich und ausgelassen“, erzählt Nihad. „Draußen ist sie wie verwandelt, sie ist es immer noch nicht gewohnt, außerhalb der Wohnung zu sein. In Aleppo war sie nur im Haus – draußen war es einfach zu gefährlich.“

Der Krieg ist 2015 schon fortgeschritten, als Nihad vom Militär eingezogen werden soll. „Ich bin während meines Wehrdienstes als junger Mann auch LKW und Panzer gefahren“, erklärt mir der 37-Jährige. „In einem Krieg sind solche Fähigkeiten wertvoll. Als ich hörte, dass ich an die Front soll, musste es schnell gehen. Ich musste sofort das Land verlassen.“ Drei Tage braucht Nihad, um von Aleppo in die Türkei zu fliehen. Von dort besteigt er mit vielen anderen Flüchtlingen ein Boot Richtung Griechenland. Auf etwa der Hälfte der Strecke kentert das Boot mit den Flüchtlingen irgendwo im östlichen Mittelmeer. Nihad schwimmt drei Stunden, bis er die griechische Insel Kos erreicht. Später hört er, dass auch alle anderen gerettet wurden. Einen Monat bleibt er in Griechenland, versucht immer wieder mit gefälschten Dokumenten ein Flugzeug zu besteigen. Dann, beim fünften Versuch, klappt es endlich. Mit einem gefälschten deutschen Pass kann Nihad sich ein Ticket kaufen und fliegt nach Hamburg. Hier angekommen beantragt er Asyl und kommt über das Erstaufnahmelager Neumünster nach Reinbek.

Seine Frau und Tochter bleiben alleine in Aleppo zurück, fliehen aber zwei Monate später in die benachbarte Türkei. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Türkei die Grenzen endgültig schließt.

In Reinbek angekommen, wohnt Nihad das erste Jahr in einem Container – für ihn persönlich eine schlimme Zeit, sagt er. Allein in einem fremden Land, getrennt von Frau und Kind, mit einem Fremden auf nur wenigen Quadratmetern. Ungern erinnert er sich an diese Zeit zurück.

„Es gab eine Zeit, in der dachte ich, dass ich bald wieder in meine Heimat zurückkehren werde. Ich wollte mich hier nicht einrichten, mich nicht wohlfühlen oder die Sprache richtig lernen“, erzählt Nihad über die schwierigen Anfänge in Deutschland. „Das war eine sehr traurige Zeit für mich. Doch dann habe ich akzeptiert, dass Deutschland nun mein neues Zuhause ist und alles wurde besser.“

Nihad mietet eine Wohnung und renoviert diese gemeinsam mit einem Freund. Dann endlich kommen Dima und Lara nach Deutschland. Mittlerweile haben sich alle gut eingelebt. Lara besucht den Kindergarten und Dima träumt davon, in Deutschland zu studieren. In Aleppo studierte sie zwei Jahre lang Business Administration. Wenn Sohn Julian erst einmal auf der Welt und ein bisschen älter ist, würde sie gern wieder studieren, sagt sie.

Was ihn in Deutschland am meisten verändert hat, möchte ich von Nihad wissen: „Die Arbeit als Ehrenamtlicher“, sagt er. „Dadurch konnte ich anderen helfen, denn ich weiß wie es sich anfühlt, alleine in einem fremden Land zu sein.“ Nihad engagiert sich in der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuz ehrenamtlich und hilft beim Filmring e.V. Eine Weile lang ging er außerdem wöchentlich in das örtliche Seniorenheim, um dort Bewohnern beim Essen zu helfen oder einfach Gesellschaft zu leisten. Er entwickelt eine besondere Freundschaft mit einer Bewohnerin. „Leider ist sie vor einigen Wochen gestorben. Sie war mir eine große Hilfe, hat mich an die deutsche Kultur herangeführt und viel Deutsch mit mir gesprochen“, sagt er.

Nihads größter Wunsch ist, wieder für seine Familie sorgen zu können. „Es fühlt sich falsch an, auf Kosten des Staates zu leben. Das bin ich nicht gewohnt“, erklärt er. Gern würde er wieder in seinem Beruf arbeiten, immerhin hat er das über 13 Jahre lang gemacht. Ob er mit 37 Jahren nochmal eine Ausbildung machen würde, will ich von ihm wissen. Zum Beispiel, um ein anderes Grafikprogramm zu lernen. „Ja, das wäre kein Problem“, sagt er.

Für ihr Heimatland wünscht sich die Familie nur das Beste. „Das Traurige am Krieg ist, dass die Geschichte stirbt – Menschen werden getötet, Häuser, die seit vielen Generationen weitervererbt wurden, existieren plötzlich nicht mehr. Alles ist zerstört. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Arbeit und keine Sicherheit. Es wird noch sehr lange dauern, alles wieder auf zu bauen.“ Aber Nihad blickt auch zuversichtlich in die Zukunft: „Syrien wird immer in meinem Herzen bleiben, aber Deutschland ist jetzt meine Heimat und die Heimat meiner Familie. Der Anfang war schwer, aber wir haben es geschafft und nun kann es weitergehen.“

Text: Kristina Kaba
Fotos: Anne Neumann

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