Walid, 44 Jahre

Name: Walid
Alter: 44
Herkunft: Homs, Syrien
Tätigkeit im Heimatland: Inhaber eines Elektronikhandels, Ausbildung zum Elektriker
Tätigkeit in Deutschland: Praktikum bei Elektro Bollmann (1 Monat); Praktikum in Kindergartenküche (1 Monat)
In Deutschland seit: Juli 2014
Sprachkenntnisse: Arabisch (fließend), Deutsch (B1), Englisch,
Interessen: Schwimmen, Trompete spielen, Reisen
Größter Wunsch: Eine Arbeit zu finden. Um die Familie zu ernähren und wieder ein ganz normales Leben zu führen.

Als erfolgreicher Unternehmer, Vater von vier Kindern und Unterstützer vieler wohltätiger Organisationen lebte Walid in Homs. Doch auch er wird von Assads Regime bedroht – über Jahre und durch viele Länder flieht die Familie, bis sie in Quickborn ein neues Zuhause finden. Mit seiner Familie in Sicherheit ist es jetzt Walids größter Wunsch, endlich wieder einen Job zu finden.

„Und was machst du so?“ Eine kurze Frage, auf die es für einen Flüchtling wie Walid keine kurze Antwort gibt. Hätte man dem Syrer diese Frage vor einigen Jahren gestellt, hätte er vielleicht gesagt: „Ich bin Unternehmer in Homs, habe ein eigenes großes Geschäft und verkaufe Elektroartikel, ich engagiere mich sehr viel ehrenamtlich und habe eine Frau und vier Kinder.“ Der neue Walid lebt jetzt mit seiner sechsköpfigen Familie in Quickborn. In einer Wohnung, drei Zimmer, Küche, Bad und einem Balkon vor dem Wohnzimmer. Schulsachen liegen im Wohnzimmer, Fotos stehen in den Vitrinen und auf einem alten Laptop sind unzählige Bilder, Geschichten und Erinnerungen gespeichert. Als ich Walid kennenlernte und er anfing zu erzählen, wurde mir deutlich, dass im Krieg alle Gesellschaftsschichten fliehen müssen, auch die wohlhabenderen Familien, auch die, die sich viel für ihre Mitmenschen einsetzen, Geld spenden und ehrenamtlich arbeiten.
Walid ist 44 Jahre alt. Er wächst mit seiner muslimischen Familie in einem christlichen Viertel in Homs auf. Dort geht er zur Schule, macht eine Ausbildung zum Elektriker und bildet sich im Selbststudium weiter. Nachdem er einige Jahre als Verkäufer in Elektronikläden arbeitet, macht er sich mit seinem eigenen Geschäft selbstständig. Die Eröffnung ist eine große Party, seine Erfahrung, sein Verkäufer-Talent und der gute Kontakt zu seinen Kunden machen sein Unternehmen erfolgreich. Als lizenzierter Händler verkauft er Produkte von Sharp oder General Electric, die Hersteller laden ihn mit anderen Geschäftsmännern auf Reisen nach Thailand, Spanien oder Italien ein.
Walid heiratet im Jahr 2000 seine Frau Omaea und die beiden bekommen vier Kinder. Sie leben in einem großen Haus, es sind oft Gäste und die Familie zu Besuch. Nach jeder Geburt ihrer Kinder, ziehen Omaeas Mutter und Schwester für ein paar Wochen zu der Familie. Beide helfen ihr im Haushalt, mit den älteren Kindern mit dem Neugeborenen. Walid ist in der ganzen Stadt bekannt, er veranstaltet Feste für Kinder, spendet Geld an Bedürftige. Mir zeigt er Fotos von Kindern mit Prothesen, die er bezahlt hat und mit deren Familien er immer noch im Kontakt ist.

2012 wird es für Walids Familie in Homs zu gefährlich, Assads Regime gefallen der Einfluss und die Großzügigkeit einiger Familien nicht. Die sechs flüchten nach Damaskus, die größere Stadt bietet Schutz für ein paar Monate. Walids Familie wohnt in einem Raum „und für acht Wochen waren wir dort zusammen, nur ich bin einmal am Tag rausgegangen“, erzählt Walid.

Er hilft mit seinem Geld, anderen Familien in Damaskus. Doch nach ein paar Monaten ist auch Damaskus zu unsicher, die Familie flieht weiter nach Jordanien. Nur drei Monate bleiben sie dort und fliehen dann für eineinhalb Jahre nach Ägypten. Die Kinder gehen dort zur Schule, aber sie müssen auch Ägypten wieder verlassen. Die nächsten Wochen sind dunkel: Fluchtversuche mit dem Boot, Festnahmen, Tage im Gefängnis, Italien, Frankreich, Holland, Belgien, schließlich Deutschland.
Aber was ist ein Mann wie Walid, wenn er nach jahrelanger Flucht in einem Ort wie Quickborn in Deutschland angekommen ist? So ernst, wie er früher seinen Beruf nahm, nimmt er jetzt seine Deutschkurse. Er spricht noch etwas holprig, aber seine Grammatik ist sehr gut. Die festen Uhrzeiten der Kurse, die Hausaufgaben strukturieren seinen Tag. Aber: „Als ich in Homs war, bin ich jeden Tag um 10 Uhr aus dem Haus gegangen und um 1 Uhr nachts erst wieder zurück gekommen“, erzählt Walid.

Er vermisst es, zu arbeiten. Sein Job gehörte zu Walids Identität, er liebt das Verkaufen, den Kontakt mit Kunden oder Geschäftspartnern: „Ich bin es gewohnt viel zu arbeiten – und ich will endlich wieder arbeiten,“ erzählt er.

Seine vier Kinder gehen in Quickborn zu Schule, sprechen perfekt Deutsch. Mit acht Jahren ist Rokaya die jüngste, sie hat tausend Fragen im Kopf und will zeigen, was sie in der Schule gerade lernt. Die beiden älteren Mädchen, Basmalh (15) und Boshra (13), sind höflich und hilfsbereit wie ihre Mutter. Sie spielen Basketball an der Schule oder wollen ein Praktikum bei einer Designerin machen. Walids Sohn Haean ist 17, er fotografiert, macht Quatsch für YouTube-Videos mit Kumpels und ärgert natürlich seine Schwestern. Zuhause kabbeln sich die vier im Wohnzimmer und aus der Küche riecht es nach Omaeas Reis. Walid zeigt mir, wie man aus Fadennudeln, Mozzarella und viel Zucker ein syrisches Dessert macht. Seine Frau beobachtet uns und greift lachend ein, wenn Walid sich bei den Mengenverhältnissen vertut.

Walid könnte sich auch gut vorstellen, in einer Küche zu arbeiten. Einen Monat hat er schon in einer Kindergartenküche geholfen. „Am liebsten möchte ich dann syrisch kochen, weil das gibt es in Hamburg noch fast gar nicht“, sagt er. Ein Praktikum in einem Elektronik-Fachhandel hat er auch schon gemacht und repariert Kühlschränke von Freunden „dann ist es fast wie früher“, sagt Walid.


Text: Anissa Brinkhoff
Fotos: Jan Brockmann

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