Saria, 21 Jahre

Name: Saria
Alter: 21
Herkunft: Damaskus, Syrien
In Deutschland seit: 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch
Zusatzqualifikationen: Abitur
Liebt: Sport (Schwimmen), Gedichte schreiben, Kochen
Beschreibt sich selbst als: neugierig, ehrgeizig
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Kassierer bei McDonald’s
Größter Wunsch: eine Welt ohne Krieg

Vor zwei Jahren fasst Saria einen Entschluss: Er will seine Heimat Syrien für immer verlassen. Eine Rückkehr? Ausgeschlossen. „Denn ich würde sofort verhaftet werden“, sagt er. In Deutschland baut er sich jetzt langsam ein neues Leben auf. „Aber ich vermisse meine Familie und meine Freunde.“

Früher, da hatten die Menschen in Syrien noch die Wahl. Das Land verlassen, um woanders Arbeit zu finden? Das war möglich. „Mein Bruder Jasin, 23, lebt und arbeitet seit sechs Jahren in Dubai“, erzählt Saria, als wir ihn in seiner Wohnung in Winterhude besuchen. „Ich wollte auch nach Dubai. Aber ich habe kein Visum bekommen. Es gibt kein Visum mehr für arabische Menschen. Mein Bruder hatte Glück, dass er Syrien vor dem Krieg verlassen hat“, erzählt der 21-Jährige. Doch er, er hätte nicht mehr einfach so das Land verlassen können. Denn für junge Männer wie Saria ist etwas anderes vorgesehen. „Wenn ich geblieben wäre, dann hätte ich zum Militär gemusst. Und dann hätte ich jemanden töten müssen, oder mich hätte jemand getötet. Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen, als zu flüchten.“ Also entscheidet er sich 2015, Syrien zu verlassen.

„Es war ein Abenteuer, aber ein sehr schweres“, beginnt er von der Flucht zu erzählen. „Ich hatte eine Hose und ein T-Shirt dabei, dann noch etwas Essen und mein Handy.“ Das Geld für die Flucht haben ihm sein Bruder und seine Eltern, Vater Hajtham, 55, und Mutter Mannal, 48, gegeben.

„Zunächst bin ich in den Libanon, von dort mit dem Schiff in die Türkei. Das war ein großes Schiff, da gab es noch keine Probleme. Von der Türkei nach Griechenland war es dann ein Plastikboot, das war sehr gefährlich. Zwei Stunden dauerte die Fahrt, 42 Leute waren an Bord – Kinder, Frauen, alte Menschen. Es war sehr eng. Ich habe dafür 2000 Dollar bezahlt. Zum Glück ist alles gut gegangen. In Griechenland war ich zwei Tage in einer großen Halle. Man muss dort schlau sein und es geschickt anstellen. Ich spreche etwas English, deshalb konnte ich die Sicherheitsmänner gut verstehen und die Tage dort waren erträglich. Danach ging es mit dem Auto oder zu Fuß weiter. Von Griechenland über Mazedonien, dann nach Kroatien, Ungarn, Österreich und dann nach Deutschland. An den Grenzen waren Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz, die uns geholfen und den Weg gezeigt haben.“

Als Saria endlich in Deutschland angekommen ist, kommt er zunächst in einem Asylheim in Passau unter. Von dort wird er nach Hamburg geschickt – für einen Monat. Danach geht es in die Nähe von Frankfurt/Oder in Brandenburg. „Ich habe dann eine Weile in einem Asylheim in einem kleinen Dorf gelebt, mir das Zimmer geteilt. Ich war froh, in Sicherheit zu sein.“ Trotzdem verfolgt ihn die Traurigkeit und die Sorge um seine Familie und seine Freunde. „Zwei sind im Gefängnis, drei sind tot. Wenn ich darüber nachdenke oder die Nachrichten sehe, dann macht das meinen Kopf kaputt.“ Seine Eltern aber wollen nicht, dass er sich sorgt. „Aber das sagen Eltern ja immer“, weiß Saria. Wenn wieder einmal düstere Gedanken kommen, dann schreibt er Gedichte. Um das Erlebte zu verarbeiten, um emotionalen Stress abzubauen.

Nachdem er eine Weile im Osten Deutschlands ist, kommt er wieder nach Hamburg, hat jetzt einen Aufenthaltstitel bis 2019. Und nach zwei Jahren in Deutschland hat er angefangen, sich ein neues Leben aufzubauen. „Ich lerne Deutsch, bin schon auf Niveau B1. Die Sprache fällt mir richtig schwer. Jetzt warte ich auf den Kurs für B2/C1, den mache ich Anfang nächsten Jahres. Ich möchte mich damit auf die Uni vorbereiten“, erzählt Saria. Denn er hat Pläne: „Ich möchte Medizintechnik oder Nachrichtentechnik studieren. Ich finde das einfach interessant. Außerdem finde ich es wichtig, ein Ziel zu haben. Schon seit meiner Kindheit weiß ich, dass ich studieren möchte.“ Bis es soweit ist, arbeitet er erst einmal. Seit ein paar Wochen als Kassierer bei McDonald’s. Doch bis er den Job gefunden hatte, dauerte es.

„Ich habe sehr viele Mails und Bewerbungen geschrieben. Aber nie hat jemand reagiert.“

Frustrierend, doch irgendwann hatte seine Suche Erfolg. „Der Job macht mir Spaß, die Atmosphäre ist gut.“ Nach der Arbeit zieht er sich in seine eigene Wohnung zurück. „Ich hatte sehr viel Glück, dass ich diese Wohnung über einen Freund gefunden habe.“
Nach Syrien zurückzukehren, das kann sich Saria nicht vorstellen. „Ich würde sofort verhaftet werden und müsste ins Gefängnis. Aber ich vermisse meine Heimat, ich vermisse alles. Meine Eltern werden in Syrien bleiben, egal was passiert. Sie würden nie ihre Heimat verlassen.“ Auch seine Schwestern Negma, 17, und Rena, 9, sind noch dort. Trotzdem: Hamburg gefällt ihm. „Die Deutschen sind toll, ich bin ihnen so dankbar.“

Saria hat hier auch schon Freunde gefunden. „Aber die kommen aus Syrien. Ich hätte auch gerne deutsche Freunde. Denn ich möchte noch mehr Deutsch sprechen.“ Außerdem würde er sich freuen, vielleicht doch eine Arbeit in seiner Nachbarschaft, in Hamburg-Winterhude, zu finden. Und er hat noch einen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass der Krieg bald vorbei ist. Ich wünsche mir eine Welt ohne Krieg und eine gute Zukunft.“

Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Anne Neumann

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