Maher, 27 Jahre

Name: Maher
Alter: 27 Jahre
Herkunft: Harrasta, kleiner Ort in der Nähe von Damaskus, Syrien
Familienstand: verheiratet
In Deutschland seit: September 2015
Sprachkenntnisse: Arabisch, Deutsch (B2) & Englisch
Qualifikationen: Abitur, abgeschlossene Ausbildung zum Dentaltechniker (Zeugnisse liegen vor), zwei Praktika in Hamburger Dentallaboren
Beschreibt sich selbst als: motiviert, bescheiden & schüchtern
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: Marktverkäufer & Parkplatzeinweiser bei öffentlichen Veranstaltungen (mehrmals in der Woche)
Größter Wunsch: seine Frau wiedersehen und mit ihr irgendwann zurück ins befriedete Syrien gehen, um ihr neues/altes Leben wiederaufzubauen

Maher kommt aus einem kleinen Ort bei Damaskus in Syrien und lebt seit über zwei Jahren in Deutschland. Er ist ein ruhiger, besonnener Mensch, kann aber nicht stillsitzen und warten bis sich seine Zukunft von selbst fügt, wie er sagt. Maher ist ausgebildeter Dentaltechniker mit Berufserfahrung, doch die Suche nach Arbeit erweist sich schwerer als gedacht: zwei Praktika in Dentalbetrieben konnte er schon erfolgreich absolvieren. Man ist zufrieden mit ihm. Doch am Ende kann man ihm keine Stelle anbieten. Fest entschlossen nicht aufzugeben, schreibt er viele Bewerbungen, die nicht selten unbeantwortet bleiben. In seinem motivierten Streben etwas zu tun, beginnt Maher daher, viele kleine Nebenjobs anzunehmen. So arbeitet er seit einiger Zeit als Marktverkäufer an einem Kaffeestand auf diversen Hamburger Märkten oder als Parkplatzeinweiser bei Konzerten oder Fußballspielen am Volkspark.

„In Deutschland zurecht zu kommen ist nicht einfach. Ich bin schon eine Weile hier und ich habe immer noch das Gefühl nicht zu wissen, wo ich hier gelandet bin. Ich muss aber auch sagen, dass ich anfangs keine Vorstellung von Deutschland hatte.“

Maher entschließt sich vor etwas mehr als 2 Jahren, seine Heimat Syrien und den Krieg zu verlassen. Er hadert lange mit sich. Maher steht mitten im Leben, ist verheiratet, hat eine große Familie, Schulabschlüsse und eine Berufsausbildung. Seit einiger Zeit arbeitet er als Dentaltechniker in einem modernen Labor. Doch das tägliche Leben wird immer lebensgefährlicher und das Arbeiten immer schwieriger. Einige seiner Familienmitglieder haben Syrien schon verlassen, um in anderen Ländern Sicherheit und Arbeit zu finden.

„Ich habe es geliebt in meinem Ort, meiner Heimat. Wer liebt es nicht in seiner Heimat? Meine Familie war da, meine Freunde… Es hat mir das Herz zerrissen zu gehen, aber wenn dir keine andere Möglichkeit bleibt um das Glück deiner Familie zu sichern, wie entscheidest du dich dann?“

Maher ist ein groß gewachsener junger Mann, der selbst sitzend noch einige Leute überragt. Er begegnet dir stets mit einem freundlichen Blick und einem Schmunzeln auf den Lippen. Er wirkt schüchtern, aber keineswegs kontaktscheu. Ganz im Gegenteil. Wir sprechen über seine Jugend in Syrien, seine Schule und seine ursprünglichen Pläne für sein Leben.

„Welche andere Möglichkeit als arbeiten habe ich? Rumsitzen und darauf warten, dass etwas passiert, das kann ich nicht und so möchte ich auch mein Leben nicht verbringen. Ich möchte es selbst gestalten. Wenn man etwas in seinem Leben verbessern will, muss man sich selbst darum bemühen – auch wenn es viel Geduld von mir erfordert und ich wesentlich langsamer vorankomme, als ich es je gedacht hätte.“
Sonnenstrahlen schießen durch die großen Fenster des Cafés, in dem wir uns treffen, und beleuchten die hölzernen Sitze. Maher sitzt vor einer dampfenden Tasse Tee. Das stetige Arbeiten unter freiem Himmel im nassen deutschen Herbst hat ihm eine Erkältung geschenkt.

„Ich war immer sehr gut in Mathe, Naturwissenschaften und Sport. Aber Mathe war mein liebstes Fach. Ich kann einfach sehr gut mit Zahlen umgehen. Auf dem Markt rechne ich auch schneller als die Kasse“, gibt er grinsend zu. „Eigentlich wollte ich Medizin studieren, Leuten helfen…“, für einen Moment hält er inne, nippt an seinem Tee. „Aber das hat am Ende der Schulzeit dann nicht geklappt. Und da die Möglichkeiten ansonsten begrenzt waren, habe ich mich für Zahntechnik entschieden. Das war noch am meisten ein Beruf mit medizinischem Hintergrund. Ich habe nach meinem Abschluss in einem modernen Labor gearbeitet, das von einer deutschen Gesellschaft mit modernen Geräten ausgestattet wurde. Das war ein toller Arbeitsplatz!“

Als Maher in Hamburg im Rahmen der Flüchtlingswelle 2015 ankommt, lebt er zunächst in einer der zahllosen notdürftig hergerichteten „Hallen“. Enge, schlechte sanitäre Einrichtungen und unsichere Prognosen gehören für ihn zum Alltag. „Das war echt hart in diesen Unterkünften. Mit unzähligen Menschen auf einem kleinen Flecken. Keine Ruhe, keine Privatsphäre… Ich war immer draußen und habe versucht, so spät wie möglich erst in die Unterkunft zu gehen, nur zum Schlafen. Das hat mich fast wahnsinnig gemacht.“ Während der Zeit in der zentralen Erstaufnahme lernt Maher einen freiwilligen Helfer kennen, der einigen Jungs Basketball beibringen möchte. Da Sport ihm immer sehr viel Spaß gemacht hat, meldet Maher sich an.

„Ich bin ja eigentlich eher Fußballspieler, aber jede Form der Ablenkung nehme ich gerne an. Außerdem hat das Spiel echt Spaß gemacht und unser Trainer ist einfach ein klasse Typ.“ Schnell werden Maher und der Trainer Freunde, treffen sich regelmäßig um Deutsch zu sprechen. Der Trainer nimmt ihn mit zu Fußballspielen vom FC St. Pauli und hilft ihm, wo er kann. Nach langen Monaten schafft es Maher mit einigen anderen Flüchtlingen und der Hilfe vom Trainer, eine kleine Wohnung zu ergattern. „Ohne unseren Trainer und seine Hilfe wäre die vergangene Zeit noch schwerer gewesen. Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass ich in ihm einen Freund gefunden habe, der immer da ist.“ Lachend fügt er hinzu, dass der Trainer aus ihm auch einen echten St. Pauli Fan gemacht hat. Er sei einfach überwältigt worden von der Stimmung bei den Spielen.

Maher fühlt sich wesentlich wohler in der neuen, eigenen Unterkunft. Die Bewohner sind alle im gleichen Alter, haben ähnliche Geschichten erlebt. Maher nimmt einen großen Schluck Tee. „Ich bin meistens früh wach und unterwegs, versuche immer etwas zu tun.“ Die neu gewonnene Unterkunft gibt ihm weiter Energie. „Ich mache alles, um eine Beschäftigung zu haben. Ich habe seit einiger Zeit eine Stelle als Verkäufer auf unterschiedlichen Wochenmärkten. Auch wenn man bei jedem Wetter draußen ist macht es schon Spaß, vor allem mit den Leuten, die mit mir arbeiten.“

Voller Bemühung in seinem gelernten Job eine Stelle zu finden, ergattert Maher zwei Praktika in Dentallaboren. Mit seiner Arbeit ist man zufrieden, stellt ihm gute Bescheinigungen aus, aber kann ihm keine feste Stelle anbieten. „Das Arbeiten in den Betrieben hat viel Spaß gemacht, endlich konnte ich in meinem Beruf wieder richtig arbeiten. Ich habe immer gehofft, dass ich übernommen werde. Leider ging das nicht, weil keine Festanstellung gebraucht wurde.“ Ihm wird geraten, weiter Bewerbungen zu schreiben und die Hoffnung nicht aufzugeben. Maher lässt seine Zeugnisse und Abschlüsse aus Syrien übersetzen und nimmt Kontakt mit der Handwerkskammer auf, um seine Papiere anerkennen zu lassen, doch die Bearbeitungszeit ist lang. Weiter und weiter schreibt er Bewerbungen, doch bekommt meistens nicht mal eine Antwort.

Mittlerweile ist die Sonne wieder hinter den Hamburger Wolken verschwunden. Maher rührt im leeren Teebecher rum und schaut nachdenklich auf die zermatschten Zitronen. „Das kann schon alles sehr frustrierend sein… Aber weißt du, was ich am meisten an Deutschland mag?“, fragt er mich. „Die Pünktlichkeit der Menschen und ihre Verbindlichkeit. Wenn ein Deutscher sagt, es geht um 10 Uhr los, dann geht es auch um 10 Uhr los. Das entspricht einfach auch meiner inneren Einstellung. Da war ich Zuhause immer etwas die Ausnahme.“ Schmunzelnd hält er für einen Moment inne. „Aber weißt du was ich an Deutschland gar nicht mag? Die Bürokratie, alles ist so kompliziert und dauert so lange. Das war Zuhause wesentlich entspannter. Aber es ist nun mal wie es ist und ich hoffe, dass, wenn ich mich weiter bemühe und etwas Geduld habe, schon alles gut werden wird.“

Text & Fotos: Jan Brockmann

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