Mohammad, 19 Jahre

Name: Mohammad
Alter: 19
Herkunft: Ghazni, Afghanistan
In Deutschland seit: Oktober 2015
Sprachkenntnisse: Dari, Persisch, Deutsch (B1), etwas Englisch
Zusatzqualifikationen: deutscher Hauptschulabschluss (1,8)
Liebt: Sport (schwimmen, Volleyball, Fitness), lesen
Beschreibt sich selbst als: familiär, humorvoll, lebensfroh, gastfreundlich
Bisherige Tätigkeiten in Deutschland: drei Praktika (Kfz-Mechatroniker, Maler/Lackierer)
Größter Wunsch: ein Ausbildungsplatz in einer Kfz-Werkstatt

„Ich will endlich wieder arbeiten. Einfach nur rumsitzen, das gefällt mir überhaupt nicht.“ Mohammad hat ein Ziel: Er will unbedingt eine Ausbildungsstelle in einer Kfz-Werkstatt finden, möglichst schnell. Denn die Zeit drängt: Nachdem er vor zweieinhalb Jahren seine Heimat Afghanistan verlassen hat und schließlich nach Deutschland kam, hier zur Schule gegangen ist und sogar drei Praktika gemacht hat, droht ihm im Sommer die Abschiebung…

Es herrscht eine ganz besondere Stimmung, als wir Mohammad in seinem neuen Zuhause auf der Veddel besuchen. Der Duft von frischem Kuchen liegt in der Luft, viele Leute sind zu Besuch, alle sind fröhlich. „Wir feiern heute das Neujahrsfest. Die ganze Familie kommt zusammen“, erklärt er.
Die ganze Familie – das sind Mohammad, der von allen nur Mansur genannt wird, sein Bruder Sabur, 18, und Schwester Sharifa, 30, mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Ein paar andere Verwandte leben auch noch in Hamburg, aber seine Mutter Hanifa und seine anderen Geschwister sind noch in Afghanistan – der Heimat von Mohammad, die er im Herbst 2015 verlassen hat…

Nachdem sein Vater vor rund 15 Jahren von der Taliban erschossen wurde, ging es der Familie nun langsam wieder gut. Sie lebten in einem großen Haus, Mohammad ging zur Schule, wollte studieren. „Am liebsten Medizin. Viele Leute in Afghanistan sind krank, können aber nicht behandelt werden, weil es kaum Ärzte gibt. Ich wollte den Menschen helfen.“ Doch durch den Krieg wird die Lage immer schlechter.

„Mädchen dürfen nicht mehr zur Universität gehen, und wenn die Taliban herausbekommt, dass sie es doch heimlich machen, dann werden sie getötet. Dabei steht im Koran, dass Männer und Frauen gleich sind. Aber das beachtet niemand.“ Bomben fielen auch in seiner Stadt; Lkw, die Hilfsgüter brachten, wurden angezündet.

„Ich sollte zum Militär“, erzählt er. „Zur Taliban, sollte lernen, wie man schießt. Das wollte ich nicht.“ Deshalb beschließt er, Afghanistan zu verlassen. Gemeinsam mit seinem Bruder macht er sich im April 2015 auf den Weg nach Kabul. Dort wohnt seine Schwester mit ihrer Familie. Weil das Land nicht mehr sicher ist, hat auch sie beschlossen, nach Europa zu fliehen.

„Ich habe nur ein paar Kleider mitgenommen, eine Tasche und mein altes Handy. Das habe ich immer noch, es ist eine Art Erinnerung für mich“, erzählt Mohammad. Seine Mutter gibt den Geschwistern Geld mit. Geld, das sie gut gebrauchen können. Immer wieder müssen sie Schlepper bezahlen, die sie ein Stück mit dem Auto mitnehmen – von Afghanistan über Pakistan und den Iran gelangen sie so in die Türkei.

Dann setzen sie einem kleinen Schiff und 65 Personen nach Griechenland über, danach weiter mit dem Bus über Athen, Mazedonien und schließlich kommen Mohammad und sein Bruder in Deutschland. Von ihrer Schwester hatten die beiden seit ihrer Station im Iran nichts mehr gehört. „Ich hatte große Angst um sie. Wir haben sie im Iran verloren. Sie war ja mit ihrem Mann und den Kindern unterwegs, und die Familie sollte zusammenbleiben. Deshalb mussten wir getrennt weiterreisen.“
Zum Glück treffen sich alle in Frankfurt wieder. „Ich habe meinen Schwager über Facebook geschrieben, so wusste ich, dass sie auch in Deutschland sind. Ich habe meine Schwester erst einmal in den Arm genommen. Ich war so froh, sie wiederzusehen.“

Drei Tage sind die Geschwister in einem Camp in Harburg, dann leben sie neun Monate in einer Sporthalle in Hamburg-Hammerbrook. Nun wohnt Mohammad mit seiner Schwester und ihrer Familie auf der Veddel. Bruder Sabur wohnt in Harburg, geht dort zur Schule. Schwester Scharifa und ihr Mann besuchen einen Sprachkurs, der Sohn geht in die vierte Klasse einer Grundschule, die Tochter in den Kindergarten.

Mohammad hat seinen Hauptschulabschluss gemacht. „Ich war der beste in der Klasse“, erzählt er stolz. Anschließend macht Mohammad drei Praktika – eines als Maler/Lackierer, zwei als Kfz-Mechatroniker. „In Afghanistan habe ich auch schon Autos repariert. Das macht mir viel Spaß. Ich würde gerne eine Ausbildung im Kfz-Bereich machen.“ Denn nur zu Hause zu sein, das reicht ihm nicht.
„Ich will arbeiten!“ Sein größter Wunsch ist es, endlich einen Job zu finden. Mohammad möchte in Deutschland bleiben. „Ich fühle mich hier wohl. Mir gefällt, dass alles ein System hat.“
Seine Freizeit verbringt er oft in der Bibliothek. Er liebt es zu lesen. „So kann ich auch meine Sprache verbessern.“ Auch Sport ist ein Hobby von ihm, am liebsten Volleyball, schwimmen oder Fitness.

Doch obwohl er sich gut beschäftigen kann, die Gedanken an seine Zukunft verfolgen ihn in jeder Sekunde. „Ich habe nur eine Duldung bis zum 11. Juni. Ich weiß nicht, was danach sein wird…“, erzählt Mohammad. „Deshalb wünsche ich mir so sehr einen Ausbildungsplatz.“

Text: Hella Hoofdmann
Fotos: Anne Neumann

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